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ALS HITLER DAS ROSA KANINCHEN STAHL

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Von Caroline Link neu und brillant verfilmt: Judith Kerrs Kinderbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.
In den ersten Minuten muss man tatsächlich bangen. Denn gleich in der Eingangsszene von Caroline Links Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (ab 25. 12. im Kino) setzt eine geradezu absurd pathetische Filmmusik ein, die so gar nicht passen will zu den verkleideten Kindern, die durchs Wohnzimmer flitzen, unter Tische krabbeln und baumelnde Würstchen von einer Leine schnappen. Darauf gleich der nächste Schreck: Carla Juri, Darstellerin der Mutter, blickt recht ausdrücklich von Filmsohn zu Filmtochter, um gestelzt zu verkünden: „Ihr seid jetzt Geheimnisträger. Das ist etwas sehr Erwachsenes.“

Ähnlich einem Abend mit Bekannten, der sich nach einer steifen Begrüßung doch noch löst und witzig wird, findet auch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl nach diesem problematischen Start glücklicherweise seinen Weg. Wie das berühmte autobiografische Kinderbuch von Judith Kerr aus dem Jahr 1971 setzt der gleichnamige Film 1933 in Berlin ein, kurz bevor der Wahlerfolg der NSDAP den berühmten Theaterkritiker Alfred Kerr (der im Film unter dem Namen Arthur Kemper geführt wird) zur Flucht zwingt. Der Film beschreibt den Weg der jüdischen Familie in die Schweiz, nach Paris und schließlich den Aufbruch nach England. Das zunehmende Grauen in Deutschland wird bei dieser Reise ins Exil zwar an keiner Stelle gezeigt, hallt jedoch zu jedem Moment in der Familie wider: als vage Stimmung der Bedrohung, als Ungewissheit, was als Nächstes kommt, als verschlüsselte Postkarte aus der Heimat oder, im Falle der neunjährigen Anna und des zwölfjährigen Max, als andauerndes Heimweh und das Gefühl, erwachsener sein zu müssen, als man eigentlich ist.

Die Regisseurin Caroline Link (Nirgendwo in Afrika, Der Junge muss an die frische Luft) versteht es, ihren Film so zu inszenieren, dass er sowohl für Kinder wie für Erwachsene funktioniert. Die zwei Perspektiven sind gleichzeitig vorhanden, genau wie in der Realität, in der ja auch Kindliches und Erwachsenes in einer Familie zusammen existieren. Die Eltern können ihre Sorge nicht verheimlichen, die Kinder wollen nur nach Hause, als Kompromiss versuchen alle, das Beste aus der Situation zu machen, und ziehen Stärke daraus, dass die anderen auch nur improvisieren. Das Profane, Alltägliche hilft dabei. Ob man nun auf Urlaub ist oder auf der Flucht vor den Nazis: Das Gejammer über den Schweizer Stinkekäse wird sich gleichen, auch der Arm des Vaters, der in Paris vor dem Verkehr auf den Straßen schützt, die elterliche Ermahnung, die Limonade doch bitte mit der Schwester zu teilen, und die kindliche Euphorie, mit der in einer neuen Unterkunft als Allererstes auf die Betten gesprungen wird, um zu prüfen, wie hart oder weich die Matratzen sind.

Sowohl Riva Krymalowski als auch Marinus Hohmann spielen ihre Rolle als Geschwister so selbstverständlich, als seien sie wirklich miteinander groß geworden. Und doch ist es vor allem Oliver Masucci als Vater, der diesem Film das tragende Gesicht gibt. In seinen kantigen Zügen spiegelt sich ein intensives Wechselspiel aus Sorge, Müdigkeit, Widerstand, Hoffnung und Humor. „Macht es dir nichts aus, Flüchtling zu sein?“, fragt Anna auf einem Schiff in der Schweiz ans Geländer gelehnt. „Es ist aber auch ganz interessant“, sagt der Vater schräg lächelnd und hält es aus, dass sich schon wieder die nächste dunkle Wolkenfront über dem malerischen See und damit auch über der Familie zusammenbraut.

Gerade im Schweizer Exil setzt Caroline Link auf eine Kamera, die beiläufig Details einfängt, etwa den hutzeligen Waldschrat mit weißem Rauschebart, der einmal stumm durchs Bild huscht, oder das kurze Spiel des Sonnenlichts, das am Nachmittag durch die Apfelbäume auf das sommersprossige Gesicht von Annas erster Schulfreundin fällt. In anderen Momenten verharrt sie wiederum bewusst bei der großen Kulisse, wie ein Spaziergänger, der die Natur auf sich wirken lassen will. Wenn Anna, Max und ihre Eltern mit dem geliebten Onkel, der sich später in Berlin aus Verzweiflung das Leben nehmen wird, vor den majestätischen Bergen stehen, verschmelzen der kindliche und der erwachsene Zuschauerblick zu einer zeitlosen Verwunderung, die erst das Kinderbuch und nun auch dieser Film auslöst: Wie kann es möglich sein, dass solche Menschen solchem Hass zum Opfer fallen?

(aus „Die Zeit“)

 


Details

Schauspieler: Riva Krymalowski, Marinus Hohmann, Carla Juri, Oliver Masucci, Justus von Dohnányi
Regie: Caroline Link
Genre: Drama, Literaturverfilmung
Länge: 118 Min.
Alterszulassung: Ab 12 Jahre
Land: Deutschland, Schweiz
Erscheinungsjahr: 2019

 


Spielzeit

Samstag,          25. Jänner         16.15  Uhr  (Saal 2)
Sonntag,          26. Jänner         18.00  Uhr  (Saal 2)