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BEALE STREET – Liebe in Zeiten des Hasses (3 Oscarnominierungen 2019)

Inhalt:

Mit „Beale Street“ hat Barry Jenkins nun einen Roman von James Baldwin verfilmt. Sein Film fängt die Liebe auf ebenso wunderschöne wie schmerzliche Weise ein.

Das letzte Mal als Barry Jenkins einen Film gedreht hat, gewann er drei Oscars, einschließlich jenem für den Besten Film. Zwei Jahre nach Moonlight kehrt er nun zurück mit der Verfilmung eines Romans von James Baldwin, einem der profiliertesten afroamerikanischen Intellektuellen der Bürgerrechtsbewegung. Schwer vorstellbar, dass irgendjemand qualifizierter für eine solche Adaption sein könnte als Jenkins. Immer wieder hatte er betont, dass sein Film Moonlight über einen homosexuellen schwarzen Jungen in Miami ohne Baldwin nicht möglich gewesen wäre.

Baldwin, der eine schwierige Kindheit in Harlem gehabt hatte und der, wie sich später herausstellte, schwul war, blieb stets ein dem Leben und der Liebe zugewandter Romantiker – auch dann, wenn er mit Gott und Amerika haderte. Und so ist es naheliegend, dass sich Barry Jenkins, ein Liebeskrieger, für die Verfilmung von Baldwins vorletztem Roman Beale Street Blues von 1974 entschieden hat, der Geschichte einer jungen Liebe, die vom systemischen Rassismus in Amerika auf eine schwere Probe gestellt wird.

In einer Szene erinnert sich die Hauptfigur Tish (Kiki Layne) an jenen Moment, in dem sie sich in Fonny, ihren Freund seit Kindheitstagen, verliebt hat. „Ich verstand schließlich“, denkt sie, „dass er die schönste Person war, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.“ Das ist es, was Barry Jenkins, gemeinsam mit seinem außergewöhnlichen Kameramann, James Laxton, in dieser Literaturverfilmung schafft: Er betrachtet die Menschen, so wie James Baldwin, aus seinem Herzen.

Die beiden jungen Liebenden im Kern der Geschichte, gespielt von Layne und Stephan James, leuchten. Das ist wirklich das passendste Wort, sie zu beschreiben. Wir sehen sie gleich am Anfang aus der Luft unter schimmernden goldenen Blättern einen Fluss entlangschlendern. Vom ersten Moment an, in dem sie ins Bild geraten, gibt es eine Wärme in Bezug auf die Art und Weise, wie sie miteinander verbunden sind. Nicht nur, weil sie Hand in Hand gehen oder weil Geigen spielen, sondern auch, weil die Farben ihrer Kleidung aufeinander abgestimmt sind. Sein gelb-oranges Hemd passt zu ihrem hellgelben Mantel, und beide passen zu den herbstlichen Blättern auf dem Baum über ihnen. Wenn sie sich gegenseitig betrachten, dann sind ihre Augen voll jener Aufregung, wie sie nur die erste Liebe mit sich bringt. Wir verlieren uns in ihnen, so wie sie ineinander verloren sind.

Dann hören wir in einem Hintergrundkommentar, den Jenkins während des gesamten Films verwendet, wie Tish sagt: „Ich wünsche echt niemandem, dass er denjenigen, den er liebt, durch eine Scheibe angucken muss.“ Die neunzehnjährige Tish erzählt den Film, der Anfang der Siebzigerjahre in Harlem spielt. Sie hat gerade erfahren, dass sie ein Baby bekommen wird. Aber die glückliche Nachricht erhält der Vater des Kindes durch mehrere Zentimeter dickes Glas. Fonny sitzt im Gefängnis, weil ihm ein weißer Polizist (Ed Skrein) aus schlichter Bosheit eine Vergewaltigung an einer puerto-ricanischen Frau (Emily Rios) angehängt hat. Tish ist schwarz, genauso wie Fonny. Wäre er weiß, gäbe es gar keinen Fall. Die Anklage hat es geschafft, alle Zeugen, die für Fonny aussagen sollten, einzuschüchtern. Tishs Mutter Sharon (die großartige Regina King, die für ihre Nebenrolle einen Oscar erhielt) fliegt irgendwann sogar nach Puerto Rico, um das angebliche Opfer Fonnys aufzuspüren. Ernestine (Teyonah Parris) ist ein Leuchtfeuer schwesterlicher Fürsorge und Tishs Vater Joseph (Colman Domingo) kämpft bis über die Grenzen der Legalität hinaus, Geld für Fonnys Anwalt (Finn Wittrock) zusammenzukratzen.

Die Welt von Barry Jenkins stimmt nicht genau überein mit der Beschreibung von James Baldwins New York, einer „Mülldeponie“, „mit Ratten so groß wie Katzen, Kakerlaken so groß wie Mäuse“. Der Roman, den Baldwin im selbst gewählten Exil in Südfrankreich schrieb, beschreibt auch Harlem als Viertel, in dem arme Schwarze leben. „New York ist garantiert die hässlichste und dreckigste Stadt der Welt“, steht dort. Im Gegensatz dazu verherrlicht Jenkins die Stadt bewusst. Es gibt kaum eine Szene, die nicht strahlt wie jene, in der Tish und Fonny unter einem leuchtend roten Regenschirm spazieren gehen. Die Bilder sind so schön, dass man in sie hineinkriechen will, um darin zu leben, selbst auf die Gefahr hin, von ihrer Melancholie verschluckt zu werden.

Seinen Fonny beschreibt Baldwin als „hässlich“, mit einer Haut „wie rohe feuchte Kartoffelschalen“. Er hat nichts gemein mit Jenkins‘ Fonny, der wie ein Adonis vor seiner Skulptur steht – er ist Bildhauer – umgeben von Licht und einer Wolke Zigarettenrauch. Wenn Fonny und Tish zum ersten Mal miteinander schlafen, dann hängt über ihnen eine Glühbirne wie ein Heiligenschein. Jenkins, ein Filmemacher, der so sinnliche, sehnsuchtsvolle Regisseure wie Wong Kar-Wai als Vorbilder nennt, würde keine Ratten in den Ecken filmen. Er lenkt in keiner Weise von der Grausamkeit des Dramas ab. So bleibt er dem Geist von Baldwin treu.

Der Film ist gütig. Seine Farben werden durch die für den Oscar nominierte Musik von Nicholas Britell vertieft, die von einer einsamen Trompete bis zu bebenden Streichern reicht. Wie bei Moonlight schauen die Charaktere manchmal direkt in die Kamera, in unsere Augen. Und dann, wie eine Ohrfeige, kommen schwarz-weiße Fotografien von Männern, Frauen und Kindern, die von weißen Polizisten brutal behandelt werden. Baldwins Worte, erzählt von Tish, schneiden dann wie stumpfe Sicheln in weiches Fleisch: „Die Kinder kriegen eingetrichtert, dass sie einen Dreck wert sind, und alles, was sie um sich herum sehen, ist der Beweis dafür. Sie kämpfen und kämpfen, aber sterben wie die Fliegen und begegnen sich dann auf dem Müllhaufen ihres Lebens, wie die Fliegen.“

If Beale Street Could Talk heißt der Roman wie auch der Film im Original. Die Zeile hat Baldwin dem Jazz-Song Beale Street Blues von W. C. Handy entlehnt. Der hat nun auch der deutschen Übersetzung ihren Titel gegeben. Beale Street, eine Straße in Memphis, war dabei zu einer Metapher für das harte Los der Afroamerikaner geworden. „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street, ist im Schwarzenviertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York“, zitiert Jenkins den Roman im Vorspann des Films. „Die Beale Street ist unser Erbe.“

Während Tish und Fonny so verliebt in die Liebe sind, dass es fast wie eine Seifenblase aussieht, wirkt die Geschichte selbst trüber. Fonny ist ein Künstler, der darüber nachdenkt, wie Baldwin selbst, das Land zu verlassen, weil es in Amerika schwierig ist, schwarz zu sein. Diese Erkenntnis bildet den Kern einer erstaunlichen Szene, in der Fonny und sein alter Kumpel Daniel (Brian Tyree Henry) sich bei einem Bier unterhalten. Daniel saß zwei Jahre wegen Autodiebstahls im Gefängnis – obwohl er gar nicht Autofahren kann. Zunächst ist es ein fröhliches Gespräch zwischen den beiden Männern. Dann werden die Dinge düster, während James Laxtons Kamera sich in Nahaufnahmen zwischen ihnen hin und her bewegt und Daniel sich an seine Zeit im Gefängnis erinnert: „Der weiße Mann muss der Teufel sein“, sagt er, „einige Dinge, die ich gesehen habe, Baby, davon werde ich träumen bis an den Tag, an dem ich sterbe.“ Er muss nicht aussprechen, dass er im Gefängnis vergewaltigt wurde. Sein Gesicht erzählt es uns. „Die können mit dir machen, was sie wollen – was sie wollen“, sagt Daniel und zieht an seiner Zigarette.

Oder die großartige Szene, in der Tish ihrer Familie erzählt, dass sie schwanger ist. Was als halbkomisches Kammerspiel beginnt, entwickelt sich zu einer Konfrontation zwischen Tish und ihrer Familie mit Fonnys herablassenden Schwestern (Ebony Obsidian und Dominique Thorne) und deren frommer Mutter (Aunjanue Ellis), die vor biblischer Wut brennt, als sie von der „Sünde“ ihres Sohnes, dem ungeborenen Kind, erfährt. Jenkins nimmt sich Zeit für solche Szenen, damit sich die Geschichte entfalten kann.

Baldwins Geschichte und Jenkins adaptiertes Drehbuch, das für einen Oscar nominiert war, springen immer wieder in die schwindelerregende Vergangenheit und kehren in die nüchterne Gegenwart zurück, die Liebe zwischen Tish und Fonny, die Liebe innerhalb der Familie, wirkt bei beiden wie die einzig vernünftige Antwort auf den Rassismus in der Welt. „Vergiss nicht“, sagt Sharon zu ihrer verzweifelten Tochter, „dass Liebe dich hierhergebracht hat. Vertraue ihr den ganzen Weg.“ Dennoch wird am Ende des Romans das Baby von Tish und Fonny weinend geboren, und Fonnys Vater (Michael Beach), der Geld gestohlen hat, um für das Gerichtsverfahren seines Sohnes zu zahlen, bringt sich um. Jenkins entschied sich dafür, das wegzulassen. Er liebt seine Figuren. Fast scheint es, als wolle er sie beschützen. Aber vielleicht hätten wir sie sogar noch mehr geliebt, wenn er sie nicht auf ein solches Kissen gebettet hätte.

(aus „Zeit online“)

 


Details:

Schauspieler: Kiki Layne, Stephen James, Regina King, Colman Domingo, Brian Tyree Henry, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis
Regie: Barry Jenkins
Genre:  Drama, Liebesgeschichte
Länge: 119 Min.
Alterszulassung: ab 14 Jahre
Land: USA
Erscheinungsjahr: 2019

 


Spielzeit: