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BUTENLAND

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Der Hof Butenland ist kein gewöhnlicher Bauernhof. Der Hof im Kreis Wesermarsch ist Deutschlands erstes Kuhaltersheim. Der Film„Butenland“ kommt heute in die Kinos. Darin erzählt ein ehemaliger Milchbauer davon, wie er der Milchindustrie den Rücken zugewandt hat, um aus seinem Milchbetrieb einen geschützen Ort für Tiere zu machen.

„Der größte Irrtum ist, dass die Menschen denken, eine Kuh gibt automatisch Milch“, sagt Jan Gerdes, der Anfang der achtziger Jahre den elterlichen Milchvieh-Betrieb übernommen hat. Nach vielen Jahren haderte er mit seinem Job, konnte die Arbeit nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren.

Es ist die Geburtsstunde von Hof Butenland, Deutschlands erstem Kuhaltersheim. Ein friedlicher Ort, an dem die Bedürfnisse der Tiere im Mittelpunkt stehen und wirtschaftliche Interessen keine Rolle mehr spielen. Und es ist der Schauplatz für einen ganz besonderen, preisgekrönten Kinofilm

Auf den ersten, flüchtigen Blick unterscheidet sich der Hof auf der niedersächsischen Halbinsel Butjadingen im Kreis Wesermarsch nicht von den Nachbarhöfen. Doch schnell wird klar, dass hier vieles, eigentlich alles anders ist. Die Gänse schnattern über den Hofplatz und lassen sich selbst von den Hunden nicht beirren.

Und spätestens ein Blick in den Kuhstall zeigt den großen Unterschied: eine geräumige Scheune, reichlich Stroh eingestreut. Keine Boxen, keine Ketten, kein Gestänge, natürlich auch kein Spaltenboden. Doch wo sind die Tiere?

Auf Hof Butenland entscheiden die Kühe, ob und wann sie von den Weiden in den Stall kommen. Wenn sie Lust haben, laufen sie gemächlich über den Kuhdamm, so heißt der Betonweg von den Grünflächen zum Stallgebäude. Dort hängen die beiden großen Bürsten, die rotieren, wenn die Kuh gegen sie drückt. Wellness für Kühe.

Chaya ist eine der Lebenshof-Bewohnerinnen. Sie sollte 2013 sterben. Doch sie schrie auf dem Schlachthof im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Und es passierte das, was nicht oft auf einem Schlachthof passiert: Eine Tierärztin rührte, wie sehr Chaya an ihrem Leben hing, wie entschlossen sie sich gegen ihre Schlachtung zur Wehr setzte.

Die Veterinärin bat den Landwirt erfolgreich um eine Gnadenfrist für die kämpferische Kuh. So kam Chaya nach Butenland, in die Oase des Friedens als Gegenentwurf zur brutalen Ausbeutung.

Es ist eine Idylle, die so gar nicht in das System passt, das der Mensch für Milchkühe vorgesehen hat. Sie müssen jedes Jahr ein Kalb bekommen, damit sie Milch geben. Das Kalb wird der Kuh in der Regel kurz nach der Geburt entrissen und mit Milchersatz gefüttert.

Die männlichen Kälber der sogenannten Milchrassen sind für die Milchindustrie wertlos. Sie am Leben zu lassen, lohnt sich in der Regel nicht. Daher werden die Tierkinder geschlachtet: für Wiener Schnitzel, Frikassee und Leberwurst.

Die Hochleistungsproduktion von Milch und die Trennung von ihrem Kalb bedeuten für die Mutter großen Stress und Schmerzen. In der sogenannten Anbindehaltung, die jede vierte in Deutschland gehaltene Kuh in der Milchproduktion erdulden muss, werden die Tiere am Hals fixiert, so dass sie sich nicht umdrehen können.

Sie können nur stehen oder liegen – eine unendliche Qual für die bewegungsfreudigen Weidetiere. Bis zu 50 Liter Milch geben die auf Hochleistung gezüchteten Tiere. Die Turbo-Ausbeutung hat ihren Preis. Wenn die Kühe nicht mehr rentabel sind, also nicht mehr genügend Milch geben, werden sie mit durchschnittlich fünf Jahren vom Schlachter getötet. Dabei kann ein Rind rund 30 Jahre alt werden.

Jan Gerdes kennt diesen Kreislauf aus Kälbernachwuchs, Milchverkauf und Schlachtung seit er ein kleiner Junge ist. Anfang der 80er Jahre übernimmt er den elterlichen Betrieb, baut den konventionellen Hof später in einen Demeter-Hof um. Doch er muss einsehen, dass eine wirklich artgemäße Haltung, die gleichzeitig wirtschaftlich funktioniert, auch mit einem Biobetrieb nicht möglich ist.

2002 entscheiden Jan Gerdes und seine Partnerin Karin Mück die Milchkuhhaltung zu beenden. Karin Mück ist eine engagierte Tierrechtlerin, war in den 80er Jahren an Tierbefreiungen beteiligt und stand deswegen vor Gericht. Die Kühe werden verkauft – der Tag ihrer Abholung wird zu einem emotionalen Horrortrip.

Es muss wohl Schicksal gewesen sein, dass zwölf Tiere nicht mit auf den Transporter passten. „Wir haben uns in den Arm genommen und diesen zwölf Tieren versprochen, dass sie auf diesem Hof solange leben bleiben dürfen, solange wir hier sind“, sagt Jan Gerdes.

Es ist die Geburtsstunde vom Kuhaltersheim Hof Butenland, auch wenn es noch ein paar Jahre gedauert hat, bis aus dieser Idee eine Tierschutzstiftung wurde. Inzwischen leben wieder mehr als 40 Rinder auf Butenland.

Filmemacher Marc Pierschel hat den Alltag von Karin Mück und Jan Gerdes auf dem Lebenshof mehr als zwei Jahre mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist ein einfühlsamer, emotionaler und beeindruckender Dokumentarfilm, der all das Glück, das es auf Hof Butenland gibt, einfängt, ohne die Momente der Trauer zu verschweigen.

Denn natürlich gehört auch zu einem Lebenshof der Tod dazu, ebenso die kleinen und größeren Wehwehchen der Tiere, die mit dem Alter zunehmen. Wer über den Kuhdamm vom Hof raus zu den Weiden wandert, erlebt sofort, wie entspannt die Herde grast oder auf dem Boden liegt.

„Der Film bietet einen einmaligen Einblick in den Alltag eines Lebenshofes und stellt die bewegenden Schicksale der Tiere in der Vordergrund, welche sonst in den Regalen der Supermärkte verborgen bleiben“, sagt Regisseur Pierschel. „Und er zeigt auch auf, an welche Grenzen Jan und Karin stoßen, wenn sie versuchen Tiere zu retten und dass ein Lebenshof neben vielen schönen Momenten mit den Tieren vor allen eins bedeutet: harte Arbeit.“

Es st ein berührender Film, der uns damit konfrontiert, was wir den sogenannten Nutztieren tagtäglich antun. Auch die Jury des Hofer Filmfestes berührte der Film. Im Oktober 2019 wurde „Butenland“ mit dem „Granit“ als bester Dokumentarfilm des Jahres ausgezeichnet.

„Ein Film über die Schnittstelle Tier-Mensch, der uns konfrontiert mit unserer unentschiedenen Haltung gegenüber der Frage, welchen Wert hat das Nutztier, wenn es nicht mehr nützt? Gibt es ein anderes Miteinander für Tier und Mensch?“, so die Jury in ihrer Begründung. „Und zu welchem Preis? ,Butenland‘ erlaubt den Perspektivwechsel. Entstanden ist ein zärtlicher Film, der weh tut und uns einlädt, anders zu denken.

Wer sich darauf einlässt, erlebt den Menschen zugewandte Rinder, neugierig, voller Vertrauen zu uns. Die Tiere schließen Freundschaften untereinander, empfinden Freude, vielleicht auch so etwas wie Glück. Zumindest aber haben sie das Glück, dass sie auf Hof Butenland nicht mehr als Lieferanten von Fleisch, Milch oder Kleidung ausgebeutet werden, sondern als Individuen alt werden dürfen – mit all den Folgen, die ein langes Leben auch bei Kühen hat, den Krankheiten und Altersbeschwerden.

Anna, die nur die brutale Anbindehaltung kannte, kam 2010 nach Butenland – und fand hier mit Lara die Freundin fürs Leben. Oft liegen die beiden auf der Weide nebeneinander, gelten längst als „die Zwillinge von Butenland“. Und Fiete, fast 1200 Kilogramm schwer, aber verspielt wie ein Kälbchen. Sehr gerne lässt er sich den großen Kopf kraulen.

Und zwischen all den Rinder-Kolossen wuselt völlig unbeeindruckt Puschek herum. Auch wenn der Pekinesen-Mix mit dem bemerkenswerten Überbiss nur ein Bruchteil der Kühe wiegt, hat er keinerlei Berührungsängste. Er ist der heimliche Chef auf Butenland und gibt selbstbewusst den Ton an.

Er ist überall dabei, sieht auch auf der Schweinewiese nach dem Rechten, wo Sau Rosa-Mariechen ihre Tage besonders gern verbringt. Rosa-Mariechen hat mit viel Glück die todbringende Massentierhaltung überlebt. Tierschützer fanden sie 2012 als Ferkel in der Ecke einer Mastanlage und retteten sie. Ratten hatten bereits ihren Kopf angefressen, in den Wunden hatten sich Maden entwickelt.

Nichts erinnert heute mehr an dieses Massentierhaltungs-Trauma, wenn die Sau ein Schlammbad nimmt. Oft war Schweinefreundin Erna in ihrer Nähe, die im Versuchslabor gequält wurde und sich von Karin Mück gerne so lange kraulen ließ, bis sie vor Wohlbefinden auf die Seite fiel und die Augen schloss.

Momente der Friedlichkeit, die irgendwann ihr Ende finden. Erna litt an einer Niereninsuffizienz. Im Dezember 2019 geht es Erna so schlecht, dass sie von ihren Leiden erlöst wird. Auch solche schweren Entscheidungen gehören zur Arbeit auf einem Lebenshof. Erna wurde zehn Jahre alt. Ein biblisches Alter im Vergleich zu ihren Artgenossen, die als billiges Schnitzel in der Fleischtheke enden.

 


Details:

Schauspieler:
Regie: Marc Pierschel
Genre: Dokumentation
Länge: 82 Min.
Alterszulassung: Ab 12 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2020

 


Spielzeit:

Montag,            6. Juli               18.00 Uhr  (Saal 2)
Dienstag,          7. Juli               18.00 Uhr  (Saal 2)