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DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT

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Zwischen kleinbürgerlichem Ruhrpottidyll und Familientragödie balanciert Caroline Link die Verfilmung von Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ zu einem herzzerreißenden Film aus.

Recklinghausen, Ruhrpott, Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre: Hier wächst ein kleiner Junge (Julius Weckauf), der noch nicht Hape, sondern Hans-Peter genannt wird, inmitten einer Großfamilie auf, herzlich umsorgt von Eltern, Omas, Opas und etlichen Tanten. Blond und pummelig ist er und ein bisschen effeminiert, was erfrischenderweise einmal keinerlei Problem darstellt.

Viel zentraler ist Hans-Peters komödiantisches Talent, das früh deutlich wird. Immer ist er dabei, wenn die Erwachsenen plauschen, lästern oder feiern. Er guckt genau hin und hört genau zu und verwandelt das Beobachtete anschließend in präzise Imitationen, die alle zum Lachen bringen.

Liebevoll zeichnet „Der Junge muss an die frische Luft“ ein kleinbürgerliches Milieu, das bodenständig und lebensfroh ist, und entwirft eine Welt der kleinen Vergnügungen: mit Torte, Eierlikör und Kostümfesten zum Karneval, untermalt vom Schmelz deutscher Schlager. Weil der Film auf der gleichnamigen 2014 erschienenen Autobiografiedes Komikers Hape Kerkeling beruht, könnte man meinen, dass er es hierbei belässt – dass hier nur in penetrant bunten Bildern der Ursprung eines der großen komödiantischen Talente Deutschlands nachgezeichnet wird.

Doch „Der Junge muss an die frische Luft“ ist viel mehr. Fast beiläufig schiebt sich zwischen die Szenen einer fröhlichen, behüteten Kindheit ein zweiter Erzählstrang: Hans-Peters Mutter (etwas zu mädchenhaft verkörpert von Luise Heyer) leidet immer öfter unter unerklärlicher Schwermut und ist ständig krank.

Nach einer missglückten Operation verliert sie, die doch immer so gerne gegessen hat, ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Hans-Peter bietet sein gesamtes komödiantisches Können auf, um die Mutter aufzuheitern, hat aber nur punktuell Erfolg; immer tiefer versinkt sie in Antriebs- und Teilnahmslosigkeit.

Was folgt, ist tieftraurig und erschüttert vor dem Hintergrund der komödiantisch beschwingten ersten Filmhälfte umso mehr: Das kann, das darf einfach nicht sein, nicht auf diese schreckliche Art und Weise! Der kleine mutterlose Hans-Peter tröstet sich mit den Versen eines Roy Black: „Du bist nicht allein, wenn du träumst heute Abend. Du bist nicht allein, wenn du träumst von der Liebe. Es finden tausend junge Herzen heute keine Ruh. Es haben tausend Menschen Sehnsucht, genau wie du.“

Inszeniert hat diese herzzerreißende Geschichte die Münchner Regisseurin Caroline Link (die von der deutschen Presse auf ewig als „Oscar-Preisträgerin“ apostrophiert wird, seit sie 2003 mit „Nirgendwo in Afrika“ die Auszeichnung erhielt). Der Stoff liegt ihr, auch die Filme „Jenseits der Stille“ (1996) und „Im Winter ein Jahr“ (2008) kreisten um Familienbande, um Eltern und Kinder. Als das „Zeit Magazin“ sie 2004 für die Rubrik „Ich habe einen Traum“ befragte, gab sie zu Protokoll: „Eltern sind niemals ersetzbar, auch wenn mancher Vater und manche Mutter das glaubt. […] Ich habe den Traum, dass Kinder niemals mehr allein im Wald herumirren müssen.“

Letztlich kreist „Der Junge muss an die frische Luft“ um die alte Frage, wie man wurde, wer man ist, wie die Kindheit im Erwachsenen fortwirkt, ihn prägt und bestimmt. Und was so berührt, ist die Sehnsucht, man könnte Kontakt aufnehmen mit dem verzweifelten Kind, das man einmal war, es trösten und in den Arm nehmen, ihm sagen, dass alles gut wird. Im Film geht das: Schuss, Gegenschuss, ein schneller Schnitt und fertig ist der Blickwechsel zwischen dem kleinen Hans-Peter und dem erwachsenen Hape; sie winken einander zu und lächeln. Der Schnitt ist Kitsch, aber hier geht er schon in Ordnung.

Aus dem Off erklingen dazu die Sätze, mit denen KerkelingsAutobiografie schließt – Sätze, mit denen er daran festhält, mehr zu sein als das eigene Trauma, die jeden Fatalismus durchstreichen und die Verbindung zur Welt als Resilienzressource begreifen: „Und gleichzeitig bin ich auch Tante Lore und die Richtung, in die sie mich im Kinderwagen auf dem Feldweg schiebt. Ich bin die gescheckte Kuh auf der Weide, das gelbe Korn auf dem Feld und der rote Mohn am Wegesrand. Ich bin der schmale Trampelpfad und dessen Ende. Ich bin der wolkenlose Himmel. Ich bin wach.“

Wie seltsam, wie tröstlich.

(aus „Spiegel Online“)

 


Details

Schauspieler: Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Hedi Kriegeskotte, Joachim Krol, Ursula Werner, Rudolf Kowalski
Regie: Caroline Link
Genre: Drama
Länge: 99 Min.
Alterszulassung: ab 6 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2018

 


Spielzeit

Donnerstag,           17. Jänner;          20.15 Uhr  (Saal 1)
Freitag,                   18. Jänner;          18.30 Uhr  (Saal 1)
Samstag,                19. Jänner;           16.00 Uhr  (Saal 1)