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DIE KÄNGURU-CHRONIKEN

Inhalt

Die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling sind in Buch- und Hörbuchform ein großer Erfolg. Nun hält ein gleichnamiger Film, was sie versprechen. Fans wird’s gefallen.

Es gibt ein Milieu in Deutschland, das gern vergessen wird bei den Geschichten, die dieses Land sich derzeit von sich selbst erzählt. Es ist weder urban und elitär noch dörflich und reaktionär, es ist weder abgehoben noch abgehängt. Es findet sich in kleinen und mittleren Städten und zeigt dort ein reges Kulturinteresse.

Man geht in die Stadthalle, wenn Konstantin Wecker kommt, und in einen alten Schlachthof, wenn dort der Kabarettist Hagen Rether oder jemand von der Anstalt auftritt, man fährt zu Rock am Ring, wenn die Band Die Ärzte mal Headliner ist, und findet die A-Capella-Gruppe Wise Guys ebenso nachhaltig unterhaltsam wie einen schönen Spieleabend. Man ist im Herzen sozialdemokratisch, auch wenn kaum noch wer die SPD wählt, und man käme nie auf die dumme Idee, dass irgendwelche Anarchos und Kryptokommunisten nur annähernd so schlimm sein könnten wie Nazis.

Für dieses Milieu sind die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling so perfekt geschaffen wie ergonomische Kopfkissen aus dem Sanitätshaus. Kleine Geschichten über den Nenn-mich-nicht-Kleinkünstler Marc-Uwe und sein kommunistisches Käng… wobei, nein, stopp: Es ist ja, wie Freunde des Kängurus längst wissen, überhaupt nicht sein Känguru, es gehört sich selbst und ist in Besitzfragen ohnehin, jaja, etwas eigen, weil eben, haha, Kommunist.

Wer nun ein wenig albern findet, wie sich der vorangegangene Absatz selbst ins Wort fällt und wie dieser Absatz hier nun ihn und – ab genau diesem Moment – auch sich selbst kommentiert, kann an dieser Stelle getrost aufhören zu lesen. Er wird die Känguru-Chroniken ebenso unerträglich finden wie Dani Levys Känguru-Film, der nun in die Kinos kommt. Wer es aber mag, wenn sich Meta-Texte übereinanderschichten, wenn Erzählungen plötzlich anfangen, ihre eigenen Verfahrensweisen zu erklären, und sich dann auch noch darüber lustig machen, weil dieses Witzeerklären natürlich in etwa so elegant ist wie eine Filmkritik, die versucht, ihren Gegenstand performativ nachzuahmen (Merken Sie was?), der kann hier weiterlesen. Und das, was ab jetzt eher abgetörnt vorgebracht wird, mit der Widerständigkeit eines kommunistischen Kängurus auch als große Empfehlung mitnehmen.

 

Denn einen Vorwurf kann man dem Känguru-Film wahrlich nicht machen: dass er für die Bewohner des geschäftstüchtigen Känguru-Kosmos mit all seinen Büchern, Hörbüchern und teils wirklich sehr lustigen Gesellschaftsspielen irgendeine Enttäuschung wäre. So schwierig wie die Werktreue bei einem Realfilm mit einem sprechenden Känguru umzusetzen scheint: Hier gelingt sie von Beginn an. Das Känguru ist ein ruppig animiertes „echtes“ Tier und fern jedes Niedlichkeitsverdachts. Es tritt anmaßend, unverschämt und besserwisserisch auf und kommunardisiert Marc-Uwes überaus unsanierte Kreuzberger Wohnung. Der schluffige Quatschliedermacher ist dem Känguru überhaupt nicht gewachsen, was wiederum die Exposition ebenso ausstellt wie – „Spul zurück!“ – ihre eigene filmische Gemachtheit, die dann auch gleich aus dem Off kritisch kommentiert wird, was wiederum eine perfekte filmische Umsetzung jener narrativen Schenkelklopfer ist, die man auch an den geschriebenen Känguru-Chroniken sehr lieben oder ein bisschen verachten kann.

Das Glück des Films ist in dieser Hinsicht nun, dass sich gemäß dem von Marc-Uwe Kling selbst geschriebenen Drehbuch recht bald eine so straighte wie konventionelle Klein-gegen-groß-Storyline über das Gesprächsgewaber wölbt. Es gibt den schmierigen Kapitalisten, in dessen Rolle sich Henry Hübchen etwas zu sehr gefällt. Dieser Kapitalist will armen Kreuzbergern einen teuren Neubau vor die Nase knallen. Da hat er die Rechnung aber ohne die Allianz aus Späti-Türken, Raucherkneipen-Omas und sonstigen Kiezpflanzen gemacht, die das zu verhindern versuchen. Dabei kloppen sie sich in Bud-Spencer-Manier mit den tumben Nazis, die für den Kapitalisten stilecht den Straßenterror übernehmen. Über das alles kommt Marc-Uwe (glaubhaft schluffig: Dimitrij Schaad) seinem love interest Maria (Rosalie Thomass) näher, die mit ihrem Kind Jesus (haha) im gleichen Haus wohnt. Es schweighöfert also ziemlich.

 


Details:

Schauspieler: Dimitrij Schaad, Rosalie Thomass, Adnan Maral
Regie: Dani Levy
Genre: Komödie
Länge: 92 Min.
Alterszulassung: Ab 14 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2020

 


Spielzeit: