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DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERN GUSMAO


Inhalt

 

 

Erst in Cannes gefeiert, nun bei uns im Kino: Das kleine Meisterwerk „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ des Brasilianers Karim Aïnouz.

Selten sieht man einen Film, der so geschickt Tragik mit Hoffnung verbindet wie Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão von Karim Aïnouz. Das Melodrama handelt nur vordergründig von der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Im Kern ist dem Brasilianer ein Drama gelungen, das über stille Emanzipation erzählt, über das Überwinden männlich geprägter Moral und vor allem über die Kraft und Stärke geschwisterlicher Liebe, die keine Räume, Zeiten und Grenzen kennt.

Diese Kraft spürt man schon in der ersten Szene des Films. Im Zentrum stehen die zwei bildschönen Schwestern Guida (Júlia Stockler) und Euridice (Carol Duarte), die mit glänzend schwarzem Haar und unverstelltem Blick hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Der Film spielt in Rio de Janeiro, es ist das Jahr 1950, die Nachkriegszeit beschert Brasilien ein wenig Stabilität. Über der Stadt hängt die Erwartung auf ein besseres Leben, blitzende Karossen säumen die Straßen, während in den Bars Salsa läuft. Da passt die Leichtigkeit von Euridice und Guida gut ins Bild. Guida ist die Lebenshungrige von beiden. Euridice wiederum ist sanfter und nachdenklicher; sie will Konzertpianistin werden. Der Vater, ein jähzorniger Bäcker, wacht über die Mädchen. Sein düsterer Blick und sein streng gestutzter Schnauzer deuten früh an, dass er die Träume seiner Töchter jäh beenden wird.

Der Verstoß aus dem Paradies wird schnell abgewickelt. Guida schleicht sich eines Nachts aus dem Haus, um in einem Club am Hafen heimlich zu feiern. Dort verliebt sie sich in einen griechischen Matrosen. Der Vater darf nichts erfahren, doch das Geheimhalten ist zwecklos. Guida fasst also den Entschluss, aus dem häuslichen Korsett auszubrechen und mit ihrem Griechen durchzubrennen. Nach Monaten auf den Weltmeeren kommt sie gebeutelt und schwanger zurück. Und was tut der Vater?

Anstatt sie in den Arm zu nehmen, verstößt er sie, beschimpft sie als Schande und erklärt sie für tot. Den Aufenthaltsort von Euridice will er nicht verraten und lügt, dass die Schwester für ein Studium nach Wien gezogen sei. In Wahrheit ist sie aber in Rio geblieben, wo sie in die Fußstapfen der Mutter tritt, um ihrem neuen Ehemann gehorsam zu dienen. Die Musikerkarriere gibt sie zugunsten des Kinderkriegens auf.

Der Film begleitet die beiden innig sich liebenden Schwestern über mehrere Jahrzehnte hinweg und zeigt, wie sie an der Unkenntnis über das gegenseitige Schicksal nahezu verzweifeln. Rio de Janeiro wirkt in diesem poetischen, hochsensiblen Film wie eine brennende Wunde. Das Licht, die steilen Abhänge der engen Gassen, die kleinen Fischerhäuser – all das wirkt trotz der herrlichen Kulissen merkwürdig schal und entrückt. Es ist ein Kunstgriff. Denn die beiden Frauen bekommen in diesem Rio immer wieder zu spüren, wie eng ihre Grenzen sind und wie kompromisslos die Männer sie gezogen haben.

Trotzdem ist der Film niemals deprimierend, niemals hoffnungslos, denn er zeigt zugleich, wie es den beiden Schwestern gelingt, sich durch kleine Gesten eine würdige Existenz aufzubauen. Es ist fast so, als trüge die heimliche Geschwisterliebe die Frauen über alle Hindernisse hinweg. Der Regisseur Karim Aïnouz hält sich eng an die Romanvorlage von Martha Batalha und stellt dar, wie Guida ihrer Schwester Woche für Woche Briefe schreibt, jahrzehntelang, in der stillen Hoffnung, endlich von ihr zu hören. In der Korrespondenz ergießen sich ihre Sehnsüchte und der Glaube daran, dass Euridice irgendwo lebt.


Details:

Schauspieler: Carol Duarte, Júlia Stockler
Regie: Karim Aïnouz
Genre: Drama
Länge: 139 Min.
Alterszulassung: Ab 14 Jahre
Land: Brasilien
Erscheinungsjahr: 2020

 


Spielzeit:

Mittwoch,         8. Juli         20.15 Uhr  (Saal 2)