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DIE ZEIT, DIE WIR TEILEN

Inhalt:

Isabelle Huppert und Lars Eidinger spielen ein Liebespaar im wunderbar melancholischen, versponnenen Film „Die Zeit, die wir teilen“.

Selbstvergessen lenkt die Pariser Verlegerin Joan (Isabelle Huppert) ihr Auto durch die verregnete Nacht. Dann hebt sie den Blick und spricht den Zuschauer durch die Windschutzscheibe direkt an, mit genauen Anweisungen, wie ihr irischer Name korrekt auszusprechen sei. Auf keinen Fall wie John Wayne, und auch ganz sicher nicht wie das französische Jeanne. Die Direktheit ihres Blicks ist allerdings trügerisch. Sie suggeriert, dass man Joan vertrauen kann, doch bald stellt sich heraus, dass sie eine unzuverlässige Erzählerin ist, in deren Wahrnehmung reale Gegenwart, erinnerte Vergangenheit und Wunschtraum fließend ineinander übergehen. Ein Puzzle, das man als Zuschauer detektivisch zusammensetzt. So erzählt sie von ihren Eltern, dem irischen Vater und der französischen Mutter, die sich einst bei einer Schiffstaufe in einem französischen Hafen kennengelernt hätten. Sie beschwört das Bild dieser Szene herauf, das in ihrem Kopf so stark ist, dass sie sicher ist, es tatsächlich gesehen zu haben: „Ich dachte immer, es gäbe einen materiellen Beweis für diesen Moment“, sagt sie, „ich war sicher, ein Foto davon gesehen zu haben. Wie absurd!“ Und: „Das ist der Stoff, aus dem Erinnerungen sind“. Auch für die Illusionen des Kinos gilt das.

Man könnte diese Szene als Warnung lesen, den Erzählungen dieses Films nicht zu trauen. Aber auch als Einladung, sich den Bildern hinzugeben, die jede Erinnerung ganz unmittelbar und gegenwärtig erscheinen lassen, egal ob sie in die Siebziger-, Achtziger-, Neunzigerjahre oder in die Gegenwart springt, in der Joan eine Liaison mit ihrem Schützling, dem jungen deutschen, genial überspannten Autor Tim Ardenne hat, den Lars Eidinger mit selbstironischer Verve spielt.

Zunächst wird man mit einem Schnitt in die Siebzigerjahre und nach Dublin katapultiert, wo Joan, (hier gespielt von Freya Mavor, die in „Vom Ende einer Geschichte“ bereits die junge Version von Charlotte Rampling verkörpert hat) als Au-Pair arbeitet. Ihre Blicke schweifen über einen Platz und bleiben an einem jungen Charmeur (Èanna Hardwicke) hängen, der einer alten Dame gerade die Perlenkette vom Hals pflückt. Die kriminelle Energie befeuert das Prickeln eines Liebesflirts, aber auch die Imagination von Geschichten: „Was, wenn die Kette das Letzte ist, was der alten Dame von ihrem geliebten Mann geblieben ist?“, wirft Joan dem Taschendieb vor. „Aber vielleicht ist es auch das komplette Gegenteil“, verteidigt der sich, „vielleicht ist sie ein schrecklicher Mensch, böse und geizig, und ihr Ehemann hat sich erhängt, weil er sie nicht mehr ertragen hat. Wahrscheinlich hat sie die Perlen vom Hals ihrer auf dem Sterbebett liegenden Mutter gerissen …“ Jeder biegt sich die Fakten so zurecht, dass er sich darin bequem einrichten kann, schon in den kleinen Dingen und erst recht in den großen Tragödien.

Geschickt variiert der Theaterregisseur und Drehbuchautor Laurent Larivière in seiner zweiten Kinoregie das Spiel mit Erinnerung und Fantasie, das verschiedene Versionen einer Geschichte, eines Lebens hervorbringt. Im Abschiedsbrief, den ihre Mutter Joan hinterlassen hat, erzählt sie vom Glück, das sie mit dem japanischen Kampfsportler gefunden hat, für den sie ihre Familie verlassen hat, dem sie nach Tokio gefolgt ist, nur um diese Version ihres Lebens augenblicklich zu korrigieren: Der Mann habe sich schnell als Schuft entpuppt und sie sei einsam nach Frankreich zurückgekehrt. „Aber welche Geschichte ist dir lieber?“, fragt sie die Tochter.

Im Zentrum des Films steht eine surreal lüsterne Sexszene zwischen der Mutter und einem riesigen Tintenfisch, der sie mit seinen Tentakeln umschlingt und durchdringt. Später wird die Szene relativiert, hängt nur noch als kleiner, gerahmter Druck an der Wand von Joans Landhaus: Es ist „Der Traum der Fischersfrau“ von Hokusai. Joans erwachsener Sohn, gerade zu Besuch aus Montréal, kommentiert ihn im Vorbeigehen, früher habe ihn das Bild immer geängstigt. Mehr noch als das Bild umgibt den Sohn ein Geheimnis. Das Verhältnis zwischen ihm und seiner alleinerziehenden Mutter ist aufgeladen, in der Bewegung zwischen den Zeiten gibt es immer wieder Irritationen, offenbaren sich immer neue Geheimnisse und Wahrheiten. Mutter wie Sohn behaupten ihre Freiheit und Unabhängigkeit und sind sich zugleich sehr zugewandt und nah.

In Kanada forscht Nathan über Erinnerung und Vergessen, seiner Mutter erzählt er von einer Maus, die in milchiger Flüssigkeit um ihr Leben schwimmt, bis sie das unter der Oberfläche verborgene rettende Podest findet. Am nächsten Tag schwimmt sie zielstrebig darauf zu. Am dritten Tag wird ihr ein Medikament injiziert, das ihr diese Erkenntnis nimmt. Und dann schwimmt, statt der Maus, Isabelle Huppert im weißen Meer, zwischen der Panik und dem Glück des Vergessens. Ein wunderbarer, melancholischer, geheimnisvoller Film.

(aus „Süddeutsche Zeitung“)

 


Details:

Mit:  Isabelle Huppert, Lars Eidinger, Freya Mavor, Swann Arlaud, Stanley Tonwsend, Éanna Hardwicke
Regie:  Laurent Larivière
Genre: Drama
Länge: 101 Min.
Alterszulassung: ab 14 Jahre
Land: Frankreich, Deutschland
Erscheinungsjahr: 2022


Spielzeit: