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DREAM HORSE

Inhalt:

Tagsüber sitzt Jan Vokes (Toni Collette) an der Supermarktkasse, abends hilft sie im Pub des kleinen walisischen Dorfes aus, in dem sie lebt. Die Kinder sind aus dem Haus, ihr Ehemann Brian (Owen Teale) schaut kaum noch vom Fernseher auf und auch sonst ist ihr Alltag alles andere als aufregend. Doch Jan hat einen Traum: Sie will ein eigenes Rennpferd züchten. Obwohl sie weder finanzielle Mittel noch Erfahrung mitbringt, gelingt es ihr überraschend, sowohl Brian als auch den Buchhalter Howard (Damian Lewis) für die Idee zu begeistern. Gemeinsam beschließen sie ein Syndikat zu gründen, das die Kosten für ein Pferd miteinander teilt. Das irrwitzige Projekt reißt die gesamte Nachbarschaft aus ihrer Lethargie und schnell findet sich eine skurrile Gruppe, die sich mit einem Zehner pro Woche beteiligt. Tatsächlich wird bald darauf ein Fohlen namens Dream Alliance geboren…

Dieser Tage steht der Pferdesport wieder einmal im Brennpunkt einer hitzigen Vertretbarkeitsdebatte. Der Grund: In den vergangenen zwei Wochen gab es im Rahmen der Olympischen Spiele von Tokio deutlich mehr Reiterei im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen als sonst üblich. Wenn Reiterinnen und Reiter normalerweise auf den großen Turnieren dieser Welt starten, nimmt die Öffentlichkeit davon kaum Notiz. So aber ruft das zweiwöchige Spotlight auf nahezu alle Sportarten dieser Welt wieder einmal (teils berechtigte, teils unberechtigte) Kritik am Reitsport allgemein auf den Plan. Und ja: Die Bilder einer mit der Gerte auf das ihr zugeteilte Pferd eindreschende Fünfkämpferin brachten völlig gerechtfertigt einen Sturm der Entrüstung hervor, wenngleich der moderne Fünfkampf mit klassischer Reiterei nichts zu tun hat. Dass der Pferdesport in unregelmäßigen Abständen Kritiker:innen auf den Plan ruft, ist aber eigentlich auch kein Wunder. Mit keiner anderen Sportart geht automatisch eine grundlegende, ethische Debatte einher: Darf man Tiere zu Unterhaltungszwecken domestizieren, züchten, gebrauchen? Erhalten wir dadurch nicht sogar Tierarten aufrecht, die ohne das Zutun des Menschen bald gefährdet wären? Zumal die modernen Sportpferde unter fachlicher Aufsicht sowieso längst derart leistungsorientiert und im Fundament korrekt durchgezüchtet wurden, dass es sinnlos wäre, den Tierschutzmaßstab an die Reiterei auf Basis jahrhundertealter, körperlicher Begebenheiten anzulegen? Oder haben wir als Menschen die Aufgabe, eine Tierart ausschließlich in ihrem Urzustand zu erhalten, ohne dabei in die Natur einzugreifen? Dann gäbe es auf der Welt nur noch freilebende Pferde, deren Bestand kontinuierlich gefährdet ist, weil der Mensch den Lebensraum der Tiere für sich vereinnahmt. Wir können an dieser Stelle keine allumfassenden Antworten auf diese Fragestellung bieten, aber wir beginnen unseren Text zum Pferderennmärchen „Dream Horse“ nicht umsonst damit, denn die Art und Weise wie es Regisseur Euros Lyn („Torchwood“) gelingt, die Realität des Rennsports mit dem liebevollen Charme eines Außenseitermärchens zu kombinieren, zeugt von viel Gefühl für die Materie und Sachverstand.

Von der für die leistungsorientierte Pferdezucht benötigten Fachexpertise besitzt „Dream Horse“-Protagonistin Jan nicht einen Funken. Und doch nimmt sie sich eines Tages vor, sich in die Materie zu stürzen und aus ihrer neu erworbenen Stute ein eigenes Fohlen zu ziehen. Schon an dieser Stelle etabliert Drehbuchautor Neil McKay („Appropriate Adult“) den Tonfall des Films, der seine Tragikomödie ans völlig andere Ende des (Pferde-)Sportfilmspektrums führt als Kandidaten wie „Seabisquit“, „Jappeloup“ und Co. Denn wo in diesen Beiträgen immer die sportliche Leistung in den Fokus gerückt wird (selbst wenn die emotionale Bindung zwischen Pferd und Mensch einen ebenfalls großen Raum in den Geschichten einnimmt, bleibt der Erfolg im Wettkampf das ultimative Ziel), macht „Dream Horse“ von Anfang an klar, dass es hier nicht allzu sehr um das Pferd, geschweige denn um irgendwelche Siege geht, sondern um die menschlichen Haupt- und Nebenfiguren. Für Jan ist die Zucht eines Rennpferdes in erster Linie der Versuch, aus ihrer Lethargie auszubrechen – und die restlichen Dorfbewohner:innen nimmt sie gleich mit. Nie einen Hehl daraus machend, dass ihr riskantes Unterfangen auch schiefgehen kann. Doch die Folge dessen wären nicht etwa Konsequenzen für das Pferd (die Blaupause des Pferdefilms nimmt den Wettkampferfolg immer als letzten Ausweg, bevor das Tier ein schlimmes Schicksal ereilen würde), im Gegenteil: Die echte Janet Vokes, auf deren Lebensgeschichte „Dream Horse“ basiert, war von den sportlichen Ambitionen ihrer Truppe selbst überrascht und haderte zunächst damit, ihren Schützling auf die Rennbahn zu schicken. Im Falle eines Misserfolges oder allzu großer, körperlicher Strapazen sollte die Rennkarriere des Dream Alliance getauften Wallachs sofort beendet werden. Und diese zwanglose „Mal gucken, was bei unserem Versuch herauskommt!“-Mentalität tut der Geschichte gut.

Neil McKay zeichnet Jan und ihre Syndikatskolleg:innen als Träumer:innen mit einem Fuß in der Realität. Je mehr sich für die Neuzüchterin herauskristallisiert, dass ihr Fohlen vielleicht tatsächlich Chancen auf internationale Siege haben könnte, desto mehr taut sie auf. Auch ihr Umfeld statten die Kreativen mit genügend Background aus, sodass es alsbald selbstverständlich wird, mit den Außenseiterinnen und Außenseitern mitzufiebern. Und das, obwohl sich „Dream Horse“ dramaturgisch weitestgehend abzählen lässt. Der große Rückschlag und das große Rennen am Schluss inklusive; Nur, dass eine Niederlage in demselben hier eben keine allzu großen Konsequenzen für das Pferd hätte, sondern der Erfolgsgeschichte des Syndikats einfach das Happy End verwehrt bliebe. Insbesondere Jans beispielloser Optimismus, den Toni Collette („I’m thinking of Ending Things“) bis in die Haarspitzen authentisch übernimmt, macht „Dream Horse“ zu einer mitreißenden Angelegenheit. Dabei wäre es im Falle eines fiktiven Werks völlig egal, ob sich die Geschichte im Reitsportmilieu oder aber in jedweder anderen Kulisse abspielt. Das alles Entscheidende ist das Ziel vor Augen und das sukzessive Ausbrechen aus der walisischen „Jeder Tag folgt demselben Ablauf!“-Lethargie. Hier wird eben der nicht umsonst auf den Namen Dream Alliance getaufte Vollblutwallach zum Hoffnungsschimmer für eine ganze Dorfgemeinschaft.

Doch aller märchenhaften Überhöhung zum Trotz, scheuen die Kreativen nicht davor zurück, das mitunter arg auf das Geschäft mit den Pferden konzentrierte Metier auch entsprechend leistungsorientiert darzustellen – und damit einhergehend auch Jans Gefühl der Fehlplatzierung in diesem Geschäft. Dass sie und ihre Freund:innen Dream Alliances zukünftigen Jockey und Trainer gleichermaßen nach Fachverstand und Fairness gegenüber der Tiere auswählen, steht auf dem einen Blatt. Auf dem anderen steht allerdings auch das in Kauf genommene Gesundheitsrisiko im Pferderennsport, sodass ein auf halber Strecke des Films – dramaturgisch passender hätte es das wahre Leben nicht schreiben können – stattfindender Unfall einmal seine komplette Kehrseite darstellt, wenn eine schwere Beinverletzung, geschweige denn ein Knochenbruch normalerweise das Todesurteil eines Pferdes bedeuten würde. Natürlich benötigt ein Film wie „Dream Horse“ einen solch emotionalen Rückschlag, um sich im dritten Akt aus der Katastrophe heraus zu manövrieren. Insbesondere die enge emotionale Bindung zwischen Jan und Dream Alliance macht die auf den Unfall folgende „Packt er’s, oder packt er’s nicht?“-Phase besonders emotional, während sich um das Pferdeschicksal herum weitere menschliche Dramen abspielen. Vor allem der Hintergrund rund um den Buchhalter Howard, der für ein vergleichbares Risikogeschäft schon einmal fast seine Familie aufs Spiel setzte, fängt nicht nur weitere Emotionen rund um die Grundthematik ein, sondern rückt den Erzählfokus immer wieder ausreichend von Jan weg, um die Geschichte im Gesamten nicht als Einzelleistung ihrer Person darzustellen, sondern stattdessen den Zusammengehörigkeitsgedanken dieser Story in den Vordergrund zu rücken.

Zwischen all dem Drama, der Hoffnung und den großen Erfolgen (es lohnt sich im Anschluss an den Film die Siege des Pferdes zu googeln) ist „Dream Horse“ durchsetzt mit feinem, typisch britischem Humor. Vor allem die Aufeinandertreffen zwischen der in Straßenklamotten in der VIP-Loge auftretenden Allianz und der mit teuren Accessoires und Anzügen ausgestatteten Millionärskonkurrenz spült einige grandiose Pointen an die Oberfläche; führen solche Szenen einem doch die Idiotie vor Augen, dass ein bestimmter Sport erst ab einem gewissen Geldbeutelinhalt möglich ist. „Dream Horse“ ist einfach durch und durch eine Aufstiegsgeschichte und macht als solche richtig Laune, obwohl sich die Storybeats im Vorfeld ausrechnen lassen und das Happy End auch ohne Kenntnis der wahren Geschichte alles andere als überraschend kommt.

Fazit: Es ist eine eigentlich altbekannte Geschichte der Kategorie „Wenn du nur fest daran glaubst, dann wird dein Traum wahr!“. Doch nicht nur die Tatsache, dass „Dream Horse“ eine wahre Geschichte ist, macht diese bezaubernde Tragikomödie zu einem kleinen Kleinod, sondern allen voran das Ensemble, dessen Begeisterung für ihr Pferd jederzeit auf das Publikum überspringt. Einen unverfälschten Blick hinter die Kulissen des Pferderennsports gibt’s außerdem.

(aus „Wessels Filmkritik“)


Details:

Schauspieler:  Toni Collette, Damian Lewis, Owen Teale, Joanna Page, Karl Johnson
Regie: Euros Lyn
Genre: Komödie, Drama
Länge: 114 Min.
Alterszulassung: Ab 6 Jahre
Land:  Großbritannien
Erscheinungsjahr: 2021


Spielzeit:

Freitag,         19. November         18.15 Uhr  (Saal 1)