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HEXEN HEXEN

Inhalt:

 

Ende des Jahres 1967: Gemeinsam mit seiner liebevollen Großmutter (Octavia Spencer) zieht es einen Waisenjungen (Jahzir Bruno) in die ländliche Stadt Demopolis in Alabama. Als der Junge und seine Großmutter auf einige trügerisch glamouröse, aber durch und durch teuflische Hexen treffen, verfrachtet diese den jungen Helden klugerweise in ein opulentes Seebad. Bedauerlicherweise kommen sie genau zur selben Zeit an, zu der die Hoch-Großmeisterhexe der Welt (Anne Hathaway) ihre Weggefährtinnen aus allen Teilen des Erdballs – unter falscher Identität – versammelt hat, um ihre ruchlosen Pläne zu verwirklichen: Mithilfe mit einer magischen Tinktur durchsetzten Schokolade, wollen sie alle Kinder dieser Erde in Mäuse verwandeln…

Regisseur Robert Zemeckis ist fast 70 Jahre alt. Wo sich andere Filmemacher seines Alters vor den tricktechnischen Neuerungen verschließen, die das moderne (Blockbuster-)Kino nun mal mit sich bringt, ist Zemeckis immer mit der Zeit gegangen. Schon ganz zu Beginn seiner Karriere hat er mit „Zurück in die Zukunft“ oder „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ aus den technischen Vollen geschöpft, um seine Geschichten auf genau die Art und Weise zu inszenieren, die ihm dafür in den Sinn kam. Selbst wenn er zeitweise ordentlich Lehrgeld bezahlen durfte; Stichwort „Der Polarexpress“. Der Unterschied zwischen damals und heute ist allerdings die Gewöhnung. Mittlerweile ist die Anwendung von CGI Usus und man hat schon so ziemlich alles auf der großen Leinwand gesehen – früher konnte Zemeckis mit seinen Arbeiten dagegen noch Maßstäbe setzen. Doch vielleicht hat der Filmemacher das heute auch einfach nicht mehr nötig. Spaß hat er dagegen immer noch sichtbar. Nach einem fordernden Hybriden aus Puppenabenteuer und Kriegsdrama („Willkommen in Marwen“) wagt er sich nun an eine Neuauflage von Nicolas Roegs „Hexen hexen“. Für Zemeckis die beste Ausgangsposition: 30 Jahre später lässt sich mit den neuesten technischen Möglichkeiten ganz anders mit der Roald-Dahl-Vorlage umgehen als noch Anfang der Neunziger. Verständlich, wer befürchtet, dem Remake würde da der Charme abgehen. Doch der „Hexen hexen“ aus dem Jahr 2020 erweist sich trotzdem als überraschend gelungen.

„Wenn die Gondeln Trauer tragen“-Regisseur Nicolas Roeg hat mit seiner Version von „Hexen hexen“ zwar einen Kultklassiker geschaffen, allerdings nicht unbedingt auf die Art und Weise, wie sich er und vor allem das Studio Warner Bros. dies vorgestellt haben dürften. Dabei hätte es die damaligen Zuschauer mit Kenntnis der Buchvorlage – oder irgendeinem anderen Kinderbuch von Roald Dahl – gar nicht so sehr wundern dürfen, mit welch makaberen Methoden Roeg hier seine Interpretation von „Familienunterhaltung“ auf sein Publikum loslässt. Als Urheber von Werken wie „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „James und der Riesenpfirsich“ und „Der fantastische Mr. Fox“ ist Dahl dafür bekannt, in seinen sich per se auch an eine junge Leserschaft richtenden Romanen nicht auf Zynismus, schwarzen Humor und die ein oder andere Gewaltspitze zu verzichten. Und wer sich jetzt fragt, wo diese Quintessenz in den zahlreichen Dahl-Verfilmungen denn abgeblieben ist, dem sei erklärt, dass nicht jedes Studio einen solchen Mumm hat wie eben Warner Bros. bei „Hexen hexen“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“ und für eine breiter Vermarktung gern mal Ecken und Kanten abschleift. Zumindest im Falle des Erstgenannten gab es dann ja auch direkt die Quittung; der Film floppte an den Kinokassen, nachdem sich herumsprach, wie brutal und bitterböse er seiner Altersfreigabe ab 6 Jahren zum Trotz ist. Der Kult kam erst mit den Jahren, über Heimkino- und Streamingreleases (aktuell ist der Film bei Netflix abrufbar).

„Als Urheber von „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „James und der Riesenpfirsich“ und „Der fantastische Mr. Fox“ ist Dahl dafür bekannt, in seinen auch an eine junge Leserschaft richtenden Romanen nicht auf Zynismus, schwarzen Humor und die ein oder andere Gewaltspitze zu verzichten.“

Gewiss: „Hexen hexen“ aus dem Jahr 1990 ist für genreunerfahrene Kids eine ziemlich fiese Angelegenheit. Insbesondere die furchteinflößenden Hexenfratzen verorten den Fantasyfilm bisweilen gar in Horrorgefilden – und dürften bei dem ein oder anderen Zuschauer für schlaflose Nächte gesorgt haben. Wer nun befürchtet, eine Anpassung an Blockbusterverhältnisse aus dem Jahr 2020 brächte automatisch ein Abschleifen der Ecken und Kanten mit sich, um es familienfreundlicher zu gestalten und dadurch ein möglichst großes Publikum anzusprechen, der irrt allerdings. Zwar fühlt sich Zemeckis‘ „Hexen hexen“ im Großen und Ganzen digitaler an, da er anstatt auf haptische Maskerade, Make-Up und Effekte vor allem auf Computertrick setzt. Doch wenn Anne Hathaway („Vergiftete Wahrheit“) in ihrer Rolle als Hexenoberhaupt ihren Mund so weit aufreißt, dass man einmal ihre komplette Kauleiste zu Gesicht bekommt (und man es für durchaus möglich hält, dass sie das vor ihr stehende Kind im nächsten Moment mit einem Happs verschlingt!), dann entfaltet das einen ähnlich schaurigen Charme wie damals vor dreißig Jahren. Das gilt übrigens nicht nur für die fies-verzerrten Visagen der Hexen, sondern auch für ihre widerwärtigen Klauen und Krallen. Doch nicht nur optisch machen Hathaway und ihre Hexen-Sippschaft Einiges her. Ihre sich selbst genießende, schön-scheußliche und dadurch gleichermaßen faszinierende wie abstoßende Attitüde macht Spaß, lässt jedoch zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran, dass die Frauen richtig fiese Zeitgenossen sind. Dass hier im Laufe des Films irgendjemand zum Guten bekehrt wird, steht daher nicht zu befürchten.

Stattdessen inszeniert Zemeckis seinen Film zu gleichen Teilen als rührende Familiengeschichte als auch exzentrisches Abenteuer. Hathaway und Co. zeichnen für ebenjene Exzentrik verantwortlich, während Octavia Spencer („Hidden Figures“) und Newcomer Jahzir Bruno („The Oath“) der Geschichte bisweilen zu Erdung verhelfen. Das ist im Anbetracht von Prämisse und Inszenierung zwar kaum möglich, aber dank der beiden glaubhaft als liebende Großmutter und abenteuerlustiger Enkel aufspielenden Darsteller besitzt „Hexen hexen“ in den entscheidenden Momenten eine große Portion Herz. Gleichwohl wissen die Drehbuchautoren Guillermo del Toro („Shape of Water“), Kenya Barris („Girls Trip“) und Robert Zemeckis selbst nicht immer etwas damit anzufangen. Zwar passiert während der 103 Filmminuten (damit ist das Remake eine knappe Viertelstunde länger als das Original) immer irgendwas; „Hexen hexen“ besitzt nahezu keinen Leerlauf, doch die Geschichte selbst bisweilen unfokussiert. Geht es zu Beginn noch um das Verhältnis zwischen Großmutter und ihrem plötzlich zum Waisen gewordenen Enkel, verschiebt sich der Fokus rasch auf das Verhältnis zwischen Hexen und Menschen – und im letzten Drittel wird „Hexen hexen“ schließlich fast schon zum von drei Mäusen bestrittenen Märchen, das dank des konsequenten Endes (anders als im Original) nicht Gefahr läuft, als weichgespült zu gelten. So macht der Film durchgehend Spaß, aber man hat nicht das Gefühl, den Figuren im Laufe der Zeit näher zu kommen. Dafür rückt der Spaß am exaltierten Spiel der Hexen und der aus dem Ruder geratenen Ereignisse den herzlichen Kern der Erzählung in den Hintergrund.

„Nicht nur optisch machen Hathaway und ihre Hexen-Sippschaft Einiges her. Ihre sich selbst genießende, schön-scheußliche und dadurch sowohl faszinierende als auch abstoßende Attitüde macht Spaß und lässt nie Zweifel daran, dass die Frauen richtig fiese Zeitgenossen sind.“

Daran, was Zemeckis und seine Crew hier an Effekten auffahren, kann man sich indes nicht sattsehen. Das gilt nicht bloß für die aus dem Computer stammenden Mäuse, für die amüsanten Mensch-Tier-Verwandlungen oder ebenjene vielzitierte Hexenfratzen. Sondern auch für andere visuelle Spielereien wie verschobene Perspektiven („Hexen hexen“ ist so etwas wie die Antithese zu „Cats“). Darüber hinaus steckt in der optischen Ausgestaltung des Films jede Menge Humor – wenngleich dieser, wie schon das Original, nicht selten bitterböse ist.

Fazit: Wo früher die handgemachten Masken und gruseligen Make-Up-Fratzen für Gänsehaut sorgten, sind es im Jahr 2020 natürlich vor allem Schockeffekte aus dem Computer. Doch Robert Zemeckis weiß diese stimmungsvoll einzusetzen und liefert einen angenehm kantigen Fantasy-Grusler ab, gerade richtig als Horroreinstieg und Roald-Dahl-typisch gleichermaßen komisch wie bitterböse.

(aus „Wessels Filmkritik“)


Details:

Schauspieler: Anne Hathaway, Octavia Spencer, Stanley Tucci, Codie-Lei Eastick, Jahzir Bruno
Regie: Robert Zemeckis
Genre: Fantasy-Grusel-Komödie
Länge: 104 Min.
Alterszulassung: Ab 12 Jahre
Land: USA
Erscheinungsjahr: 2020


Spielzeit:

Samstag,       19. Juni         16.00 Uhr  (Saal 2)