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ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK

Inhalt:

„Aber bitte mit Sahne!“ schmettert der Kapitän in weißer Uniform und mit voller Kraft voraus, und die nicht mehr ganz jungen Damen um ihn herum stimmen ein. Dann entfaltet sich eine Orgie aus musikalischem Drive und tänzerischer Bewegung, ganz in Pastell, sanftes Rosa, helles Blau, mildes Gelb und schmeichelndes Apricot.
Man muss den Regisseur Philipp Stölzl für die lustvolle Schamlosigkeit bewundern, mit der er sein Schauspielensemble bei der Verfilmung des Udo-Jürgens-Musicals Ich war noch niemals in New York in Schlagerseligkeit und Traumschiffgeschäftigkeit hineinwirft. Als Zuschauer, der kein Fan einschlägiger Kreuzfahrtserien oder Musicalerfolge ist, mag man sich dagegen zunächst sperren. Doch irgendwann reißt einen der Schwung der der Choreografien und der Überschwang der Gefühle einfach mit.

Eigentlich ist der 1967 in München geborene Philipp Stölzl ja immer noch ein bisschen zu jung, um sich mit solch ältlichen Vergnügungen zu identifizieren. Doch Stölzl hat sich leicht abgenutzter Stoffe schon öfter angenommen und aus ihnen stets originelle, wahrhaftige Filme gemacht. Nach Noah Gordons Der Medicus und Karl Mays Winnetou ist die Vorlage nun eben ein Musical mit den Songs von Udo Jürgens. Was also ist Stölzls Ansatz? Warum funktioniert der auch für ein Publikum, das sich eigentlich nicht gemeint fühlen dürfte mit diesen Filmen?

„Für mich ist jeder Stoff eine Liebesgeschichte“, sagt Stölzl beim Interview in einer Hotelsuite in Berlin. „Ich denke nicht drüber nach, ob das wahnsinnig populär ist. Und schon gar nicht, ob es cool ist. Sondern nur, ob sich daran meine Fantasie als Regisseur entzündet.“ Stölzl sucht die Nähe des Publikums, er habe Kino immer als Populärmedium verstanden, sagt er: „Man kann doch breitenwirksam sein, ohne dumm, belanglos oder oberflächlich sein zu müssen. Ich habe Kino immer eher angelsächsisch gedacht, mit aller Bildkraft, mit toller Musik und allem, was dazugehört.“ Wertschätzung misst sich eben auch in Zuschauerzahlen, so darf man Stölzl ruhig verstehen, wenn er sagt: „Mir geht es darum, vielen Leuten vielleicht auch nur einen schönen Moment zu geben, sie zum Nachdenken zu bringen, emotional zu berühren, zum Weinen zu bringen. Es geht um das, was da zurückkommt, um etwas, das man richtig physisch spürt.“

Als Stölzl im Jahr 2002 mit Baby den Sprung von den auch schon sehr erzählerischen Musikvideos, die er zuvor unter anderem für Rammstein und Madonna gedreht hatte, zum Spielfilm gewagt hat, ist dieser Wille auch zur Überwältigung zunächst nicht belohnt worden. Von Kritikern wurde der Film über ein junges, schwangeres Mädchen (Alice Dwyer in ihrer ersten Hauptrolle) und ihre beiden zufallskriminellen Väter zwar geliebt. Doch bei der zugehörigen Kinotour in halbgroßen Sälen zwischen Stuttgart und Köln stand Stölzl meist nur vor einer Handvoll Menschen: „Ein Q&A vor drei Zuschauern ist einfach eine traurige Angelegenheit. Das hat sich für mich total falsch angefühlt. Sicher, Festivalfilme haben auch ihre Berechtigung, aber ich will Filme machen, die einen Verleih und einen Kinostart haben, und da treibt mich schon die Hoffnung, die Säle vollzukriegen. Das hat einfach eine ganz andere Schönheit und Energie.“

Aber schon bei Baby war zu spüren, dass da jemand am Werk ist, der mit starken Kinobildern Geschichten erzählen will und ein feines Gespür für die Wahrhaftigkeit menschlicher Gefühle besitzt. Die schlagen ganz ohne schützende Ironie jetzt auch auf dem Musicaltraumschiff durch. „Auch wenn sich die Figuren durch völlig stilisierte Welten bewegen, muss man mit ihnen mitgehen können“, sagt Stölzl. „Selbst wenn der Held den ganzen Film in Raumschiffen verbringt, muss er als Figur glaubwürdig sein, sodass man ihn kennenlernt, Freundschaft mit ihm schließt, ihn in seinen emotionalen Bögen begleitet. Auch in einem komischen, musikalischen Genre muss man die Figuren in ihren Nöten, ihren Gefühlen, in den Themen, die sie miteinander verhandeln, und in ihren Liebesgeschichten völlig glaubhaft machen.“

In Ich war noch niemals in New York ist da also Heike Makatsch als Fernsehtalkerin Lisa Wartberg zu sehen, deren Arroganz im Widerspruch zu den sinkenden Quoten ihrer Sendung steht. Wenn sie am Anfang des Films ins Studio stürmt und das ganze Personal zusammenstaucht, wirkt sie vor allem überdreht und überschminkt, zappelnd und grimassierend. In ihrer hyperaktiven Geschäftigkeit hat sie weder Zeit für eine ernsthafte Beziehung noch für ihre alte Mutter.

Doch dann rutscht die Mutter in der Küche aus und verliert ihr Gedächtnis. Das Einzige, woran sie sich noch erinnert, ist New York, oder besser gesagt: ihre Sehnsucht danach. Ein Trucker (Frank Zander) fährt sie kurzerhand an den Hamburger Hafen, wo sich das Kreuzfahrtschiff Maximiliane gerade anschickt, in Richtung New York in See zu stechen. Auf dem Schiff ist die Mutter gleich in ihrem Element, was Katharina Thalbach mit schlitzohrigem Arbeiterklassencharme ausspielt. Es stürmt, das ist selbstverständlich absehbar, die Tochter samt schwulem Make-up-Artist (Michael Ostrowski) noch als große Spielverderberin aufs gerade ablegende Schiff. Sie wird dort jedoch gezwungen, aus ihrem Workaholic-Hamsterrad auszusteigen. Wie die märchenhafte Musicalmoral es will, verliert die Fernsehfrau mit dem Druck des Alltags auf wundersame Weise auch alle Zwänge und Dünkel.

Sie öffnet sich, findet Zeit für den Flirt mit einem alleinerziehenden Vater Axel (Moritz Bleibtreu), der sich seinen eigenen Kokon aus Pflichten gesponnen hat. Den vier anderen Figuren, die auf der Reise verknüpft werden, geht es ganz genauso: das alte Paar, das die verpassten Chancen ergreift (Thalbach und Uwe Ochsenknecht, der im Eintänzermodus Erinnerungen an seinen Tanzschulenbesitzer in der Serie Kudamm 56 weckt), und das schwule Paar, das die eigenen Bedürfnisse gegen Familie und Gesellschaft verteidigen muss (Ostrowski und Pasquale Aleardi). „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen!“, singen sie irgendwann alle gemeinsam.

Es gehört zum Realismus des Films, dass die Schauspieler, die keine Gesangsausbildung haben, mit spürbarer Lust unperfekt singen. Das hatte auch im ersten Mamma-Mia-Film einen besonderen Charme, der sich, möchte man überhaupt einen Hollywood-Vergleich wagen, auch viel eher als Referenz eignet als etwa La La Land.

Knapp fünf Millionen Menschen sollen die Bühnenfassung des Musicals Ich war noch niemals in New York bereits in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesehen haben. Die Filmproduzentin Regina Ziegler hat mit Udo Jürgens zusammen vor acht Jahren dessen Erinnerungen Der Mann mit dem Fagott fürs Fernsehen verfilmt, war seitdem mit dem Chansonnier befreundet und sollte schon zu dessen Lebzeiten auch die Filmversion des Erfolgsmusicals produzieren. Jürgens starb im Jahr 2014. Als Ziegler den Stoff nun an Stölzl herantrug, reizte den gerade die Künstlichkeit des Sujets: „Es liegt mir, solche Welten zu erschaffen, sei es nun ein Ozeanliner im Stil der Fifties, eine Mittelalterwelt in Der Medicus, Goethes Studentenzeit oder eine Art Karl-May-Amerikafantasie in den Winnetou-FilHinzu kam bei Ich war noch niemals in New York noch der große Musikanteil, auf den Stölzl ansprang, der als Regisseur regelmäßig an Bühnen auch Opern inszeniert. Genau darin lagen aber auch die größten Klippen der Adaption: Die Bühnenfassung des Musicals ist eine doch recht simple Nummernrevue im Neonbühnenlook. Die hätte man auch für den Film reproduzieren können, notdürftig zusammengekittet durch ein paar Spielszenen. Doch Stölzl und der Drehbuchautor Alexander Dydyna, mit dem er bereits am Skript für Goethe! (2010) gearbeitet hatte, haben viel Mühe investiert, um die Einzelnummern in den Fluss einer Geschichte zu bringen: „Wir wollten keine Pointencomedy, sondern eher so eine Screwballtonlage mit sehr viel Rhythmus und Schnelligkeit. Das war schwer zu schreiben, zu inszenieren und auch zu spielen.“

Stölzl und sein Ausstatter Matthias Müsse bemühen dafür den eleganten Stil klassischer Hollywoodmusicals aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren. „Wenn man eine Welt erschafft, in der die Leute ständig anfangen zu singen“, sagt Stölzl, „ist das ja ohnehin schon eine überhöhte Realität, eine Kunstwelt.“ Das habe von vornherein Leichtigkeit und Ironie, sagt Stölzl, „und es macht natürlich Spaß, das noch ein bisschen weiterzutreiben“.

Den Spaß sieht man Heike Makatsch, Katharina Thalbach, Uwe Ochsenknecht, Moritz Bleibtreu und also einer ziemlich prominenten deutschen Darstellerriege jedenfalls an. Und gegen Spaß ist man als Zuschauerin, als Zuschauer im Kino ja glücklicherweise weitgehend wehrlos.

(aus „Zeit online“)

 


 

Details:

Schauspieler: Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Katharina Thalbach, Uwe Ochsenknecht, Michael Ostrowski
Regie: Philipp Stölzl
Genre: Musical
Länge: 129 Min.
Alterszulassung: ab 6 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2019

 


Spielzeit:

Sonntag,        24. November          18.00 Uhr  (Saal 2)