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NARZISS UND GOLDMUND

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Liest eigentlich noch jemand Hermann Hesse? „Unterm Rad“? „Der Steppenwolf“? „Das Glasperlenspiel“? Nimmt die noch jemand zur Hand? Immerhin war ihr Autor – 1877 im württembergischen Calw geboren und 1962 in Montagnola in der Schweiz gestorben – Literaturnobelpreisträger des Jahres 1946. Und gar so lange ist es nun auch wieder nicht her, dass Hesses Romane den Heranwachsenden der sechziger und siebziger Jahre, die an der entfremdeten Wirklichkeit einer reaktionären und kapitalistischen Gesellschaft litten, zur trostspendenden Identifikationsliteratur gereichten. In der Tradition des klassischen Bildungsromans stehend, gestaltete Hesse in seinen Arbeiten häufig Lebenskrisen, die vom Konflikt des Helden mit seiner Gegenwart erzählten und die von Fortschrittsskepsis, Naturverbundenheit, (fernöstlich verwurzelter) Spiritualität und Mystizismus zeugten. Und was will uns das heute noch sagen?

„Narziss und Goldmund“, einer der berühmtesten Romane Hesses, 1930 erschienen, handelt von der unverbrüchlichen Freundschaft zwischen zwei grundverschieden temperierten Knaben, Burschen, Männern, die einander in einem Kloster kennenlernen; und während Narziss dort bleibt und sein Leben dem Nachdenken über Gott und die Welt weiht, zieht Goldmund in eben jene hinaus und fordert denselben heraus. Es dreht sich also alles um den fundamentalen Widerstreit zwischen Vita activa und Vita contemplativa und um die Frage, ob Sex and Drugs and Rock’n’Roll oder kritische Reflexion die angemessenere Antwort auf die Verlockungen des Irdischen sind. Unschwer zu erkennen: Die Sache ist topaktuell.

Und genau so geht Stefan Ruzowitzky sie auch an. Er bläst den Staub vom Klassiker, baut den Turbo ein und erzählt die Geschichte der ungleichen Brüder im Geiste als Abenteuerfilm. Er wagt ein Historienspektakel mit opulenten Kostümen und prächtiger Ausstattung, bunt, lebendig und prall, entfesselter Fantasie vor traurigem Realismus immer und unbedingt den Vorzug gebend. Ruzowitzkys grundredliche und tief aufrichtige Adaption des großen Romans ist von einem solchen Urvertrauen in die Kraft seines Stoffes erfüllt, dass einem bald schon gar nichts anderes übrig bleibt, als all die Einwürfe, die sich freilich finden ließen – denn das tun sie immer – in den Keller für kleinkarierte Kleingeister zu verbannen. Und einfach nur zu glauben, so wie früher an Hesse. Der wird sich vermutlich im Grabe umdrehen, aber eigentlich kann er froh sein, dergestalt ins 21. Jahrhundert katapultiert zu werden.

(aus „Ray – Das Filmmagazin“)

 


Details:

Schauspieler: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Henriette Confurius, Emilia Schüle, Matthias Habich, André Hennicke, Uwe Ochsenknecht, Georg Friedrich, Johannes Krisch, Sunnyi Melles
Regie: Stefan Ruzowitzky nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse
Genre: Literaturverfilmung
Länge: 118 Min.
Alterszulassung: Ab 14 Jahre
Land: Deutschland, Österreich
Erscheinungsjahr: 2020

 


Spielzeit:

Freitag,          3. Juli              18.00 Uhr  (Saal 1)