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PARASITE – Gewinner der goldenen Palme von Cannes

Inhalt:

Cannes-Gewinner, Oscarfavorit: So unglaublich unterhaltsam und scharf wie in Bong Joon-hos „Parasite“ wurde das Thema soziale Spaltung im Kino selten thematisiert. Einer der Filme des Jahres.

Von allen Sinneswahrnehmungen ist der Geruch die wohl irrelevanteste im Kino. Weil es dafür keine visuelle Darstellungsmöglichkeit gibt, und selbst die „Scratch’n’Sniff Cards“, mit denen zum Beispiel John Waters 1981 seinen Film „Polyester“ olfaktorisch erweiterte (ein Aufrubbelfeld für Rosenduft, eins für Furzgestank), sind keine dauerhafte Lösung. Aber auch, weil Gerüche etwas sehr Persönliches sind. Sie rufen höchst individuelle Assoziationen und Erinnerungen hervor, deshalb lässt sich wenig Allgemeingültiges mit ihnen erzählen.

In „Parasite“ schafft es Bong Joon-ho nun sowohl, den Geruch eine entscheidende Rolle in seiner Geschichte spielen zu lassen, als auch, ihm eine gesellschaftliche Dimension zuzuweisen. Kapitalismuskritik für alle Sinne: Nichts weniger gelingt dem südkoreanischen Regisseur und Autor hier.

In Cannes überzeugte er damit bereits die Jury, die ihm einstimmig die Goldene Palme verlieh. In Südkorea haben mittlerweile zehn Millionen Menschen den Film gesehen, in den USA legte er gerade den besten Start aller Zeiten für einen fremdsprachigen Film hin und gilt als Favorit für den neu benannten internationalen Oscar, wenn nicht sogar als Kandidat für den besten Film.

Das mit der Kapitalismuskritik für alle Sinne mag zunächst unbefriedigend abstrakt klingen, aber im Fall von „Parasite“ ist es am besten, es bei einigen grundlegenden Bemerkungen zu belassen und keine Details zu verraten. Zum einen, weil sie den irren Spaß, den dieser Film mit seinen vielen Überraschungen bereit hält, verderben würden. Zum anderen, weil Bong so meisterlich effektiv inszeniert, dass kein Detail Gefahr läuft, übersehen zu werden. Der Pfirsich, das Tipi, die flackernden Lampen: Alle diese Dinge werden Sie im Verlauf von „Parasite“ wahrnehmen – und doch verblüfft sein, wenn sich schließlich ihr wahrer Zweck offenbart.

Seinen Ausgangspunkt nimmt der Film in einem Kellerloch in Seoul. Hier leben die Kims, eine vierköpfige Familie, deren Geld weder für das Studium ihrer erwachsenen Kinder reicht, noch für eine menschenwürdige Unterkunft. Für Aushilfsjobs scheinen die Kims (angeführt von Song Kang-ho als verzagtem Patriarchen) kein Talent zu haben, für Hochstaplerei aber umso mehr: Erst schleust sich Sohn Ki-woo (Cho Woo-sik) als Nachhilfelehrer mit vermeintlichem Uni-Diplom bei der reichen Familie Park ein, dann folgt ihm der Rest der Familie in die luxuriöse Waschbetonvilla.

Hochstapeln kann dabei wörtlich verstanden werden, denn während die Kims in einem niedrig gelegenen Viertel von Seoul wohnen, thronen die Parks auf einem Hügel. Als eine Regenflut die ärmsten Behausungen der Stadt und damit auch die Wohnung der Kims mit Wasser vollspült, kriegen die Parks davon nichts mit. Für „Schäfchen im Trockenen“ scheint es auch im Koreanischen eine Entsprechung zu geben.

Es ist natürlich auch die politische Großwetterlage, die Bong in seinen Bildern von einer überfüllten Notunterkunft auf der einen Seite und einer luftig-minimalistischen Wohnküche, in der eine Haushälterin auf Wunsch kurz gebratenes Rindfleisch zubereitet, auf der anderen einfängt. Sein Thema ist soziale Spaltung, und seine Haltung dazu ist Zorn.

Den Parks und den Kims lastet er jedoch nicht die Bürde auf, Stellvertreter fürs Unten oder Oben zu sein, für Ausbeuter oder Ausgebeutete. Sie sind, so wie es der Kapitalismus vorgibt, Kämpfer in eigener Sache und können deshalb rücksichtslos sein, ohne gleich ihre Klasse zu denunzieren.

Und rücksichtslos sind sie. Nicht zuletzt untereinander: Als die Kims noch versuchen, sich mit legalen Aushilfsjob wie dem Falten von Pizzakartons über Wasser zu halten, ist es eine ähnlich prekär Beschäftigte eines Lieferdienstes, die ihnen den Lohn vorenthält: Sie hätten die Kartons einfach nicht genau genug gefaltet.

Von solch bitter-schwarzem Humor ist „Parasite“ bis zu seinem blutigen Ende durchdrungen. Gleichzeitig baut sich die Spannung eines Thrillers auf, wann wer entdeckt, von wem er jeweils getäuscht wurde.

Einfachen Genre-Zuordnungen hat sich Bong schon zuvor mit Filmen wie „Snowpiercer“ oder „The Host“ entzogen. Hier beweist er nun, dass sich – entgegen der reaktionären Kritik an politischer Korrektheit und „woke culture“ – schonungsloser Witz und zeitkritischer Kommentar nicht ausschließen müssen: Es braucht dafür nur bessere Filmemacher, die genauer in der Analyse und gewitzter in deren filmischer Umsetzung sind.

Filmemacher wie Bong Joon-ho, die derartig souverän über die Mittel des Kinos verfügen, dass es uns sogar in der Nase kitzelt.

(aus „Spiegel online“)

 


Details:

Schauspieler: Song Kang-ho, Park So-dam, Cho Woo-sik, Jang Hye-jin, Lee Sun-kyun, Jo Yeo-jeong, Lee Jeong-eun
Regie: Bong Joon-ho
Genre: Drama
Länge: 132 Min.
Alterszulassung: Ab 16 Jahre
Land: Südkorea
Erscheinungsjahr: 2019

 


Spielzeit:

Mittwoch,        27. November          20.15 Uhr  (Saal 1)