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UND DER ZUKUNFT ZUGEWANDT

Inhalt:

Die Erinnerung an die DDR findet im deutschen Kino selten eine angemessene Form. In Bernd Böhlichs Film „Und der Zukunft zugewandt“ aber gelingt es – und zwar höchst plausibel.

Ungefähr eine Viertelstunde lang sollte man Bernd Böhlichs Film „Und der Zukunft zugewandt“ einen kleinen Vertrauensvorschuss einräumen. Denn zu Beginn sieht er stark nach einem der üblichen Geschichtsdramen aus: eine Frau in einer verzweifelten Situation, der Mann in einem Lager in der hintersten Sowjetunion, sie mit dem gemeinsamen Kind in einer armseligen Hütte außerhalb des Zauns. Irgendwann scheint die Situation so aussichtslos, dass sie sich am liebsten von einem fallenden Baum erschlagen lassen wollte. In diesen Szenen muss die Not geschminkt werden, die Kostüme sind sorgfältig verschlissen, die Schauspieler versuchen, mit dramatischer Miene so zu tun, als stehe ihnen nicht ein ganzer Apparat aus Technik und Personal gegenüber. So ist das mit Filmen, die in die Vergangenheit führen: Sie zeigen niemals eine vergangene Epoche, sondern den neuesten Stand in deren Heraufbeschwörung. Es ist immer ein zwiespältiges Unterfangen, wenn es dabei um Realismus gehen soll.

Doch für die Geschichte von Antonia Berger ist das nur ein Prolog, eine vorgeschaltete Szene in einer fremden Welt. Der Film kommt in dem Moment zu sich, in dem das totalitäre System unter Stalin drei deutsche Frauen freilässt – und sie 1952 in der jungen DDR in einem Staat ankommen, der die allerbesten Absichten hat, dabei aber keinerlei Zweifel daran lässt, dass er das verheißene Glück notfalls mit drakonischen Mitteln zu erreichen gedenkt. Antonia Berger (Alexandra Maria Lara), Irma Seibert (Karoline Eichhorn) und Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) sitzen einem Funktionär namens Leo Silberstein (Stefan Kurt) gegenüber. Er verspricht ihnen die gesamten Wohltaten, zu denen der junge deutsche Sozialismus sich in der Lage sieht (besonders dringend: medizinische Versorgung für die kranke Tochter von Antonia), allerdings unter einer Bedingung: kein Wort von den sowjetischen Lagern.

Die Szene spielt in Fürstenberg an der Oder, wo zu dieser Zeit die Modellsiedlung Eisenhüttenstadt entsteht. Die Erinnerung an die DDR hat im deutschen Kino seit der Wende selten einmal eine angemessene Form gefunden. Allzu oft wird der Arbeiter-und-Bauern-Staat als ein schräges Designexperiment mit merkwürdigen Ersatzprodukten exotisiert. Bernd Böhlich und seinem Kameramann Thomas Plenert aber gelingt etwas höchst Plausibles: Sie zeigen die DDR als eine Welt, die heute nur noch Zitat sein kann, achten dabei aber darauf, dass die Gebäudefronten, die Innenräume, die Ausstattungsdetails noch etwas von den utopischen Ansprüchen der Zeit erkennen lassen, in denen sich dann aber immer wieder grobschlächtige Ideologie breitmachte. So etwa in einer Szene in dem Kulturhaus, in dem Antonia Berger eine Aufgabe bekommt. Natürlich ist Eisenhüttenstadt heute insgesamt so etwas wie ein Museum der DDR, aber Böhlich und der famose Plenert sehen darin genau das, wovon der Filmtitel auch kündet: eine Zuwendung zur Zukunft, die jederzeit bereit ist, die Freiheit zu normieren.

Die drei Frauen gehen jede auf ihre Weise mit ihrer Rettung um und dem Preis, den sie dafür zu bezahlen haben. Antonia Berger ist die jüngste, um sie vor allem geht es: Wenn der Sozialismus es schaffen könnte, sie auf seine Seite zu bringen, wäre das fast schon ein Beweis für seine Legitimität. Böhlich verdichtet die Geschehnisse auf ein paar Monate der Jahre 1952 und 1953, der Tod von Stalin bringt dabei die äußere Erschütterung, die eigentlich alles einer gründlichen Überprüfung öffnen sollte. Das Gegenteil war bekanntlich der Fall, selbst in der Sowjetunion war das Trauma so gewaltig, dass die Entstalinisierung nur ganz allmählich, und niemals tiefgehend, einsetzen konnte. Böhlich rahmt die Geschichte zudem mit einer Szene, in der Antonia Berger im November 1989 zu sehen ist: Sie reagiert auf eine Weise auf den Fall der Mauer, die man nur verstehen kann, wenn man die Urszene des Totalitarismus wirklich durchdringt, an die der Film führt.

Es ist aber nicht alles Politik in dieser Geschichte. In erster Linie ist „Und der Zukunft zugewandt“ ein Frauenfilm, durchaus mit Anklängen an die großen Melodramen. Zwei Männer machen Antonia Berger den Hof: der Funktionär Silberstein und der Arzt Konrad Zeidler (Robert Stadlober). Sie begreifen beide nur vage, wie weit Antonia von ihnen entfernt ist, aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie in ein Buch versiegelt. Dieses Requisit wirkt beinahe wie ein Dingsymbol für die Fallen des Genres, denen auch der Film nicht vollständig entkommt, denn die künstliche Vergilbtheit der Blätter ist eher ein Spezialeffekt als ein Zeugnis.

Eine Schlüsselszene zeigt dagegen, wie Antonia Berger die erste Gelegenheit wahrnimmt, ihre Eltern zu besuchen. Das Wiedersehen ist keineswegs freudig, zwanzig Jahre hat die Mutter von der Tochter nichts gehört. Alexandra Maria Lara sitzt in diesen Momenten Swetlana Schönfeld nicht gegenüber, sondern so, als wäre sie ihr Schatten – die beiden Schauspielerinnen, von denen die ältere es war, die Böhlich auf die Idee zu der Geschichte brachte, weil sie selbst in der Sowjetunion im Lager von Kolyma zur Welt kam, sind Verkörperungen von etwas Unerreichbarem. Und ihre Worte sind Drehbuchsätze, denen in diesem Film das Wunder widerfährt, dass sie in einem in bester Weise historischen Sinn lebendig werden.

(aus „Frankfurter Allgemeine“)

 


Details:

Schauspieler: Alexandra Maria Lara, Robert Stadlober, Stefan Kurt, Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn
Regie: Bernd Böhlich
Genre: Drama, DDR-Geschichte
Länge: 108 Min.
Alterszulassung: Ab 14 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsjahr: 2019


Spielzeit:

Dienstag          17. Dezember           20.00 Uhr  (Saal 2)