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WAREN EINMAL REVOLUZZER

Inhalt:

Wenn eine Produktion Julia Jentsch und Aenne Schwarz als Hauptdarstellerinnen aufweist, kann nicht mehr viel schiefgehen – so ist es auch im Falle von Johanna Moders als Tragikomödie deklariertem Drama um zwei befreundete Wiener Bobo-Paare, die eines Tages von ihrer mehr behaupteten als anhand ihrer Persönlichkeiten nachvollziehbaren „politischen Vergangenheit“ eingeholt werden.

Konkret erhält Helene (Jentsch), tüchtige Richterin mit grüblerischem, nicht-erfolgreichem Musiker-Ehemann und zwei Kindern, einen Hilferuf ihres ehemaligen Liebhabers Pavel, eines russischen Dissidenten. Da ein Freund, der Therapeut Volker, ohnehin in Moskau zu tun hat, gibt sie ihm einen Packen Geld für Pavel mit – die Kontaktaufnahme vor Ort erfolgt unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Die beiden Männer verstehen sich auf Anhieb, und unter Einfluss von Alkohol kommt Volker (Marcel Mohab) auf die Idee, Pavel nach Österreich zu schleusen. Gesagt, getan – verblüffend einfach geht das im Film. Doch womit niemand gerechnet oder was Volker verschwiegen hat, ist, dass Pavel auch seine polizeilich gesuchte Frau Ewgenija und seinen Baby-Sohn mitbringt.

Die Begeisterung der vier Beteiligten – das Quartett wird vervollständigt von Volkers neuer Freundin Tina (Schwarz) – darüber, „endlich etwas tun zu können, anstatt immer nur zu reden“, legt sich relativ schnell, als ihnen die möglichen Konsequenzen ihrer Aktion allmählich bewusst werden. Vor allem aber, und das ist weit schlüssiger als der politische Hintergrund, wird anhand der überraschenden und nicht besonders erfreulichen Situation mit den russischen Neuankömmlingen deutlich, wie fragil die Beziehungen der vier Hauptfiguren untereinander sind. Vor allem Volker ist hinter seinem jovialen Image ein ziemlich unangenehmer und wehleidiger Zeitgenosse, eine Tatsache, auf die ihn auch sein Vater (Josef Hader in einem Kurzauftritt) hinweist. Auch Jakob (Manuel Rubey), der „sensible Künstler“, bekommt in Wirklichkeit nicht viel auf die Reihe und ist für Helene, die zwischen Beruf und Haushalt pendelt, keine große Stütze.

So beginnt die Bobo-Idylle langsam, aber sicher zu bröckeln, das ist sehr gut und fein beobachtet und vor allem von den beiden Frauen unglaublich gut gespielt. Am Schluss singt Clara Luzia das von Béla Reinitz 1929 vertonte Gedicht „Der Revoluzzer“ von Erich Mühsam, in dem der deutsche Arbeiterdichter schon 1907 alle „Salonrevolutionäre“ mit Hohn und Spott übergossen hatte, die, wenn es ernst wird, dann doch kneifen.

(aus „Ray-Das Filmmagazin“)

 

 

Die beiden Paare Helene (Julia Jentsch) und Jakob (Manuel Rubey) sowie Tina (Aenne Schwarz) und Volker (Marcel Mohab) leben ein gutes, glückliches Leben in Wien, haben alles, was sie brauchen. Pavel (Tambet Tuisk), ein russischer Freund aus Studienzeiten, hat es da schon deutlich schlechter erwischt. Aber wozu hat man denn Freunde? Und so beschließen die vier, dass sie ihm ein neues Zuhause bieten wollen, er doch einfach zu ihnen nach Österreich kommen soll. Ganz so einfach ist das dann aber doch nicht. Zum einen kommt er nicht alleine, sondern hat seine Frau Eugenia (Lena Tronina) und ein kleines Kind dabei. Und das ist nicht der einzige Punkt, der bald für Irritationen sorgt …

Da müsste man wirklich mal was tun! Sicher, der Gedanke kommt einem immer wieder in den Sinn, sobald Bilder von Müllbergen gezeigt werden, Beispiele schrecklicher Armut oder das Thema Klimawandel aufkommt. Denn eigentlich sind wir ja alles Gutmenschen, wir kommen nur nie so richtig dazu. Auch Waren einmal Revoluzzer zeigt ein paar gut situierte Bürgerliche, die nicht vergessen haben, dass sie die Welt besser machen wollten. Im Kleinen tun sie das vielleicht, sorgen für Recht, helfen als Therapeut. Aber irgendwie, so richtig ist das nicht, was sie sich mal ausgemalt haben. Der Aufruf von Pavel kommt ihnen da gerade recht, um sich selbst zu beweisen, vielleicht auch ein wenig aus dem alten Trott zu finden.

Nur, ist das auch der richtige Beweggrund? So ganz versteht man anfangs ja nicht, was genau die vier da eigentlich tun, weshalb sie es tun. Sie verstehen es ja selbst nicht, bis aus der spontanen Schnapsidee Realität wurde. Es ist nur eben nicht die Realität, die sie sich vorgestellt haben. Vor einigen Jahren war Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder in  „High Performance – Mandarinen lügen nicht“  das Kunststück geglückt, sich gleichzeitig über Geschäftsleute wie auch weltverbessernde Hippies lustig zu machen. Waren einmal Revoluzzer ist da eine durchaus konsequente Fortsetzung einzelner Gedanken, die zudem mit Marcel Mohab und Manuel Rubey auch wieder zwei bekannte Gesichter im Angebot hat.

Beide Filme sind auch im Komödienumfeld anzusiedeln, wenngleich der Humor etwas anders ist. In Waren einmal Revoluzzer gibt es weniger von den lockerleichten Momenten. Vielmehr setzt sich der Film damit auseinander, was von uns und unseren Träumen eigentlich übrig bleibt, während wir älter werden. Auch das kann erheiternd sein, wenn die Figuren nach und nach der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber es ist eben auch bitter, Moder entdeckt hinter den hübschen Fassaden einige Punkte, die irgendwie so gar nicht hübsch und vorzeigbar sind. Man weiß irgendwann nicht einmal mehr, ob man diese Personen nun mag oder nicht.

Wobei der Film, der beim Zürich Film Festival 2019   Premiere hatte, kaum jemanden verschont. Wenn sich die Österreicher besonders gönnerhaft zeigen, dann erinnert das an den deutschen Hit Willkommen bei den Hartmanns,  wo ebenfalls Gutmenschen ihre Grenzen aufgezeigt wurden. Da werden dann schon mal falsche Klamotten weiterverschenkt, man darf sagen entsorgt, unter dem Mantel der Wohltätigkeit. Denn großzügig sind die Leute hier ja. Es darf nur nichts kosten oder anderweitig weh tun. Umgekehrt sind die Gäste ein wenig übergriffig, irritieren ihrerseits mit Grenzüberschreitungen, die sie nicht als solche wahrnehmen.

Vor allem traut sich Moder etwas, wovor hiesige Filmemacher und Filmemacherinnen oft zurückschrecken: Waren einmal Revoluzzer ist nicht dazu da, dass sich das Publikum im Anschluss wohler fühlt und beschwingt in den Tag danach startet. Erkenntnisgewinne sind hier nicht garantiert, führen auch nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung. Die Revolution, sofern sie denn überhaupt stattgefunden hat, hat nur marginale Auswirkungen gehabt. Am Ende steht ein „weiter so“. Oder auch ein „Schwamm drüber“. Gibt ja schließlich noch ein Morgen, wo man dann ja mal was tun könnte. Diesmal aber wirklich.

(aus „Film-Rezension“)


Details:

Schauspieler:   Julia Jentsch, Manuel Rubey, Marcel Mohab, Aenne Schwarz
Regie: Johanna Moder
Genre: Drama
Länge: 104 Min.
Alterszulassung: Ab 12 Jahre
Land: Österreich
Erscheinungsjahr: 2020

 


Spielzeit:

Samstag,         26. September         18.15  Uhr  (Saal 2)
Dienstag,        29. September         20.00 Uhr  (Saal 2)