Eva, gerade 50 geworden, steckt nach 25 Jahren Ehe in einer Krise. Auf einer Geschäftsreise nach Rom verliebt sie sich in den Schriftsteller Alex – trotz seiner Beziehung. Zurück in Barcelona wagt sie einen Neubeginn, stürzt sich in die Welt der Dating-Plattformen und erlebt zwischen poetischen Versprechen, peinlichen Begegnungen und charmanten Katastrophen so manches Auf und Ab. Als Alex plötzlich wieder auftaucht, steht Eva vor der Frage: Gibt es sie vielleicht doch – die große Liebe?
Regisseur Cesc Gay gelingt eine leichtfüßige Komödie mit Tiefgang über die Angst vor Veränderung und das Hochgefühl des Verliebtseins.
Was tun Männer in der Midlife-Crisis? Ein Motorrad kaufen und sich eine junge Geliebte anlachen – so lautet das Klischee, das nicht selten der Realität entspricht. Und was macht eine Frau um die 50? Auch hier gibt es klassische Rollenbilder: verlassenes Opfer oder Oma im Wartestand, je nach Fortpflanzungswilligkeit der eigenen Kinder. Nicht vorgesehen in der Kategorie „Soll das schon alles gewesen sein?“ sind allerdings Schmetterlinge im Bauch. Zu Unrecht, findet der spanische Regisseur Cesc Gay, der sich von den Erfahrungen einer guten Freundin zu seiner neuen Komödie hat anregen lassen. Sich nach 25 Jahren Ehe noch einmal zu verlieben wie ein Teenager, ist in der gängigen Geschlechterzuschreibung für Frauen nicht vorgesehen. Und unterläuft unterhaltsam die Erwartungen des Publikums.
Fasziniert betrachtet Eva (Nora Navas), knapp 50 und verheiratete Mutter zweier Teenager, ein Liebespaar, das sich auf der Straße leidenschaftlich küsst. Abends erzählt sie beim Abendessen mit befreundeten Ehepaaren davon. „Ich war ganz neidisch“ gesteht sie – und löst damit um Haaresbreite eine veritable Ehekrise aus. Gatte Victor (Juan Diego Botto), sonst eigentlich ein vorbildlicher, verständnisvoller und einfühlsamer Partner, schließt daraus messerscharf, dass seine Frau nicht mehr in ihn verliebt sei. In gewisser Weise trifft er den Nagel auf den Kopf. Denn Eva hat bei einer Geschäftsreise Álex (Rodrigo de la Serna) kennengelernt. Die beiden verbrachten einen schönen Abend, unterhielten sich gut, sonst passierte weiter nichts. Mehr als einmal hat Eva betont, dass sie verheiratet sei. Erst als sie wieder zu Hause ist, spürt die Frau, wie sehr der Funke gezündet hat. Sie läuft herum als hätte sie der Blitz getroffen, versunken in Tagträumen, schusselig und unfähig zum normalen Familien- oder Arbeitsalltag.
Eigentlich sollte sich das Gefühl wieder verflüchtigen, zumal sich Álex nach anfänglichem Chatkontakt nicht mehr meldet. Aber Eva mietet heimlich eine Wohnung für sich allein. Als das bei ihren Freundinnen auffliegt, stellen sie die entscheidende Frage: „Was sagst du Victor“? Im Prinzip würde Eva dem Angetrauten am liebsten die Wahrheit beichten, nämlich dass sie sich gern noch einmal verlieben möchte. Und zwar nur deshalb, weil sie dieses Gefühl vermisst, nicht weil sie schon einen anderen hätte. Doch sie fürchtet, dass weder Victor noch ihre Freundinnen einen solchen Wunsch verstehen würden. Also erfindet sie einen Liebhaber, angeblich einen portugiesischen Koch. Damit nimmt die Situationskomik ihren Lauf, denn die erste Lüge zieht einen Rattenschwanz von Unwahrheiten und Missverständnissen nach sich.
Es braucht eine Weile, bis die Komödie von Cesc Gay (Freunde fürs Leben, 2015) Fahrt aufnimmt. Denn der spanische Regisseur treibt ein doppeltes und damit zeitraubendes Spiel. Einerseits etabliert er die Voraussetzungen für eine klassische romantische Komödie. Andererseits möchte er das Publikum an der Nase herumführen, um ihm die unkonventionellen Beweggründe für Evas Trennungsentschluss nahe zu bringen. Deren Emanzipationsgeschichte jenseits von Konventionen und moralischen Erwartungen geht nämlich auf die oben angesprochene Freundin des Filmemachers zurück, die sich ebenfalls eine Wohnung trotz äußerlich intakter Ehe nahm. Und damit den Bekanntenkreis (sowie Cesc Gay selbst) in die beschriebenen Klischees stürzte. Was ist da los? Hat ihr Mann eine Geliebte? Hat sie selbst einen anderen? Jenseits dieser Alternativen scheint selbstbestimmtes weibliches Begehren jenseits der 50 nicht möglich.
Abgesehen davon, dass der deutsche Verleihtitel sich etwas plump an Loriot heranschmeißt, lädt Ein Leben ohne Liebe ist möglich, aber sinnlos durchaus zum Dauerschmunzeln ein. Man versteht, warum der spanische Filmemacher in seiner Heimat gern mit Woody Allen verglichen wird. Das literarisch-cineastische Bildungsbürgertum, die großzügig-gediegenen Apartments, die gepflegten Stadtbilder(hier: Rom, Barcelona), die eloquenten Dialoge, die ruhige Kamera, die satten Farben und die allgegenwärtigen Liebeswirren – all das findet sich auch bei Cesc Gay (Jahrgang 1967). Mit der überzeugenden, zwischen Verwirrtheit und Entschlusskraft changierenden Hauptdarstellerin Nora Navas gelingt der romantischen Komödie eine leicht dahinperlende Charmeoffensive, herzerwärmend wie ein lauer Abend in einem spanischen Straßenrestaurant. Inklusive einer gewissen Tiefgründigkeit im Nachgang, aber garantiert ohne Kater am nächsten Morgen.
(aus „KINO-ZEIT“)
Schauspieler: Nora Navas, Rodrigo de la Serna, Juan Diego Botto, Àgata Roca, Fernanda Orazi, Francesco Carril, Marian Álvarez, Miki Esparbé
Regie: Cesc Gay
Genre: Komödie
Dauer: 100 Min
Zulassung: ab 10 Jahre
Land: Spanien
Erscheinungsdatum: 2025