Mit 20 wird Joachim unerwartet an der renommierten Schauspielschule in München angenommen und zieht in die Villa zu seinen Großeltern: Inge ist eine ehemalige Schauspielerin mit Diva-Allüren und Hermann ein strenger Philosophieprofessor. Während Joachim sich an der Schauspielschule ungeahnten Schwierigkeiten stellen muss, ertränkt er seine Sorgen abends gemeinsam mit den Großeltern in Rotwein. Joachim lebt alles andere als ein gewöhnliches Studentenleben und versucht seinen Platz in der Welt zu finden – ohne (noch) zu wissen, welche Rolle er darin eigentlich spielt.
Die Verfilmung des autobiografischen Bestseller-Romanes von Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff (Endlich wird es wieder so, wie es nie war) beleuchtet selbstkritisch und humorvoll die schwierigen Anfänge seiner Schauspielkarriere.
Das Leben ist durchzogen von Lücken: Unweigerlich wird man mit Gesetzeslücken, Zahnlücken und Wissenslücken konfrontiert. Sie finden sich im Lebenslauf, in den Zukunftsplänen oder auch im Gedächtnis. Was sie alle gemeinsam haben? Sie lassen sich, mal mit mehr und mal mit weniger Mühe, wieder schließen. Doch die entsetzlichste aller Lücken, die eine, die sich irgendwann in jedem Leben einnistet, sich aber auch trotz aller Bemühungen niemals wirklich stopfen lässt, die hinterlässt nur der Tod. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.
Nach dem erschütternden Tod seines Bruders beschließt Joachim (Bruno Alexander), sein Leben vollständig auf den Kopf zu stellen. So bewirbt sich der zwanzigjährige Norddeutsche kurzerhand an einer renommierten Schauspielschule in München, und wird, entgegen seiner eigenen Erwartung, tatsächlich als einer von knapp 1.000 Bewerber*innen in das strenge Ausbildungsprogramm aufgenommen. Um sich den Besuch der Otto-Falckenberg-Schule leisten zu können zieht er bei seinen exzentrischen Großeltern, Inge (Senta Berger) und Hermann (Michael Wittenborn) ein, und begibt sich auf eine nostalgische Reise in die eigene Vergangenheit: Wie von einem Uhrwerk werden die Kinder durch das ungewöhnlich ausführliche Gurgeln ihrer Großeltern geweckt, müssen tagtäglich auf mit Plastik bezogenen Stühlen sitzen und sind jeden Sonntag Teil der großelterlichen Wanderung durch das mehr oder weniger naturbelassene Umland von München. Auch heute noch scheint der Alltag von Inge und Herrmann aus denselben ausgefallenen, von Alkohol und Schmerztabletten befeuerten Ritualen wie damals zu bestehen.
Der Alltag an der Schauspielschule allerdings wirkt auf Joachim noch deutlich befremdlicher. Er soll seinen Kommiliton*innen minutenlang in die Augen starren, auf Zuruf anfangen zu weinen und, um den vermeintlichen Irrsinn auf die Spitze zu treiben, in der Rolle eines Nilpferds Effi Briest vortragen. Zwischen egoistischer Selbstdarstellung und den uneindeutigen Erwartungen seiner Dozent*innen droht Joachim auch hier nicht das zu finden, was er so dringend sucht. Denn genauso wie für Goethes Figur des jungen Werthers, aus dessen Briefen das titelgebende Zitat stammt, ist es vor allem die niemals zu enden scheinende Suche nach dem Sinn, die ihn umtreibt. Es ist diese tiefsitzende, existentielle Leere – oder eben Lücke – die Joachim so verzweifelt zu füllen versucht.
Mit Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke adaptiert Simon Verhoeven (Alter weißer Mann; Girl You Know It’s True) den dritten Roman aus Joachim Meyerhoffs autobiografischer Erzählung Alle toten fliegen Hoch und trifft dabei genau die feinen Töne zwischen überzogen wirkender Comedy und tiefgehender Emotionalität, für die auch die sechsteilige Buchreihe schon so viel Anerkennung fand. Ohne die jeweils andere Seite der Medaille zu vernachlässigen oder gar lächerlich wirken zu lassen, verbindet die Coming-of-Age-Geschichte absurdeste Situationskomik mit der aufreibenden, niemals enden wollenden Suche nach dem Sinn. Wenn Inge und Hermann ihren „Liebeling“ in ihre skurrilen Routinen einbinden, um ihn auf den ersten Tag in der Schauspielschule vorzubereiten, scheint es noch undenkbar, dass nur kurze Zeit später die ersten Zeilen von Soft Cells Tainted Love genügen werden, um einen ganzen Kinosaal zu Tränen zu rühren.
Neben den noch immer hervorragenden Urgesteinen Senta Berger und Michael Wittenborn ist es dabei besonders die schauspielerische Leistung von Nachwuchsdarsteller Bruno Alexander (Die Discounter), die dieses nuancierte Wechselspiel so gelungen wirken lässt. Denn während liebevolle Bildkompositionen, verspielte Kameraführung und das detailverliebt eingerichtete Großelternhaus dabei helfen, Meyerhoffs Erinnerung an München zum Leben zu erwecken, ist es allein das stets im Mittelpunkt stehende, unbeschreiblich gefühlvolle Spiel von Alexander, das die Umsetzung des Stoffes zu etwas wirklich Besonderem macht.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist ebenso eine Liebeserklärung an Joachims Großeltern wie auch an seine Zeit an der Schauspielschule. Und wie es mit der Liebe so ist, wandelt sie sich mit der Zeit, macht ein Auf und Ab durch, folgt keinen Formeln, sondern scheint einfach zu geschehen, bis es schließlich zum unweigerlichen Abschied kommen muss. So ist es letztlich doch auch genau diese Lücke, die das Leben überhaupt erst vollständig werden lässt.
(aus „KINO-ZEIT“)
Wie mit diesem reduziert eingesetzten Voice-over Ereignisse immer wieder gerafft werden, so wird auch mit Montagesequenzen die Handlung immer wieder dynamisiert und vorangetrieben. Nie kommt hier Leerlauf auf und trotz belastender Erfahrungen wie dem Tod des Bruders und dem Altern der Großeltern strahlt diese warmherzige Tragikomödie stets Leichtigkeit und Lebensfreude aus.
Zu verdanken ist das auch einem lustvoll aufspielenden Ensemble. Großartig verkörpert Bruno Alexander die Entwicklung Joachims und perfekt besetzt sind die Großeltern mit Michael Wittenborn als Philosoph Hermann Krings und Verhoevens Mutter Senta Berger als Inge Birkmann. Aber nicht nur seiner Mutter erklärt der Regisseur durch diesen Film seine Liebe, sondern erinnert in einem Kino mit Plakaten des Films „Die weiße Rose“ auch an seinen 2024 verstorbenen Vater, den Filmregisseur Michael Verhoeven.
Ein Vergnügen ist es bei diesem Film, der mit sorgfältiger Ausstattung von VW-Käfer bis gelber Telefonzelle auch nostalgisch die Zeit um 1990 zum Leben erweckt, aber auch den lustvoll aufspielenden Nebendarsteller:innen zuzusehen. Da brillieren – um nur einige zu nennen – Karoline Herfurth und Victoria Trauttmansdorff ebenso als Lehrerinnen wie Johann von Bülow als Direktor oder Friedrich von Thun als Filmregisseur Erich Maier-Mannhart.
Einem Erfolg an den Kinokassen dürfte dieser Bestsellerverfilmung somit nichts im Wege stehen, sodass es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis die Verfilmung von Meyerhoffs viertem autobiographischem Roman „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ folgt.
(aus „film-netz.com“)
Schauspieler: Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Laura Tonke, Devid Striesow, Katharina Stark, Tom Schilling, Johann von Bülow
Regie: Simon Verhoeven
Genre: Tragikomödie, Literaturverfilmung
Dauer: 136 Min
Zulassung: ab 12 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsdatum: 2026
Freitag, 13. Februar 20.00 Uhr (Saal 1)
Samstag, 14. Februar 20.15 Uhr (Saal 1)
Sonntag, 15. Februar 20.15 Uhr (Saal 1)
Montag, 16. Februar 20.00 Uhr (Saal 1)
Dienstag, 17. Februar 20.15 Uhr (Saal 1)