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Kino Katsdorf

TICKET INS LEBEN

Antoine Toussaint ist ein gefeierter Chansonnier und notorischer Eigenbrötler. Nach einem Zusammenbruch auf der Bühne fürchtet er, seinen geliebten Beruf nicht mehr ausüben zu können, und nimmt den Zug nach Genf, um seinem Dasein ein Ende zu bereiten. Die Reise verläuft jedoch alles andere als planmäßig, denn in seinem Abteil sitzt die quirlige Victoire, frisch aus dem Knast und glühender Fan des Sängers. Antoine will sie schnellstens wieder loswerden, doch Victoire lässt sich schwer abwimmeln und bringt – ohne es zu ahnen – seine Pläne ins Wanken. Zu Antoines Überraschung wächst ihm die lebensbejahende Nervensäge langsam ans Herz.

INHALT:

Ein Blick über den Rhein kann neidisch machen, denn unsere französischen Nachbarn beherrschen nicht nur Wohlfühlfilme über Mesdames und Messieurs. Auch bei romantischen Komödien machen sie uns Deutschen oft vor, wie es besser geht. Der auf Humor spezialisierte Drehbuchautor und Regisseur Jean-Pierre Améris lässt in seinem neuen Film ein unfreiwilliges Paar in schönster Screwball-Manier aufeinander prallen.

Dass Antoine Toussaint (Gérard Darmon) um ein Autogramm gebeten wird, ist keine Seltenheit. Immerhin ist der Chansonnier in Frankreich ein bunter Hund und seine Coverversion des US-Songs Mambo Italiano ein großer Hit. Die Impertinenz, mit der ihm Victoire (Valérie Lemercier) auf die Pelle rückt, ist aber selbst für einen Vollprofi wie Antoine zu viel. Eigentlich möchte der Sänger während seiner Zugfahrt nach Genf nur seine Ruhe haben, doch der Mund der quirligen Vicky, die den freien Sitzplatz neben Antoine gekapert hat, steht einfach nicht still. Nach der Ankunft entert Vicky schamlos Antoines Wagen, der ihn am Bahnhof in Empfang nimmt – und klebt fortan wie in Édouard Molinaros Die Filzlaus (1973) an ihrem Gegenüber.

Die Reise nach Genf soll Antoines letzte sein. Nach einem Schlaganfall kam der ins Alter gekommene Crooner nur mühsam wieder auf die Beine – und stand seither nicht mehr auf der Bühne, die ihm die Welt bedeutet. Familie und Freunde hat er keine. Sein einziger sozialer Kontakte ist sein Manager Claude (Patrick Timsit), der ein wunderschön unaufgeräumtes Pariser Büro behaust. Der Abschied fällt Antoine dementsprechend leicht. Denn er ist nicht der Sehenswürdigkeiten wegen, sondern zum Sterben in die Schweiz gefahren. Vicky ist für die Hochzeit ihrer Tochter Constance (Alice de Lencquesaing) angereist; nur weiß die Braut noch nichts von ihrem Glück. Denn ihre Mutter, die an einer bipolaren Störung erkrankt ist, sitzt derzeit noch eine Haftstrafe ab und hat einen Freigang dafür genutzt, das Land unerlaubt zu verlassen.

Der lebensmüde Chansonnier und die manisch-depressive Verbrecherin bilden ein außergewöhnliches Paar, das jede Menge unvorhersehbaren Ärger verspricht. Ganz so charmant chaotisch wie in der von Francis Veber geschriebenen Filzlaus oder in dessen Buddy-Komödien mit Gérard Depardieu und Pierre Richard geht es bei Jean-Pierre Améris zwar nicht zu, Ticket ins Leben verströmt aber eine vergleichbare Atmosphäre. Und lebt abseits gelungener Drehbuch-Einfälle von Améris und seiner Co-Autorin Marion Michau von der Chemie seiner zwei Hauptdarsteller.

Gérard Darmon, der selbst singt, in den 2000er-Jahren drei Studioalben aufgenommen hat und wie eine Mischung aus Charles Aznavour (1924–2018) und Tony Bennett (1926– 2023) aussieht, ist schon physiognomisch die richtige Wahl. Er gibt den ernüchterten Sänger, der jüngeren Generation nichts mehr sagt, in einer Mischung aus selbstbewusster Nonchalance, mürrischer Arroganz und gekränkter Eitelkeit. Valérie Lemercier, die zuletzt in Aline – The Voice of Love (2020), einem inoffiziellen Biopic über Céline Dion, glänzte, bildet den perfekten Gegenpol. Sie fegt wie ein Wirbelwind durch diesen Film, was in Kombination mit Darmons stoischem Spiel zu toller Situationskomik führt.

Ticket ins Leben ist aus einer Furcht Améris‘ heraus entstanden. Als der 1961 geborene Franzose seinen Rentenantrag stellte, hat ihn die Angst gepackt: „Was, wenn ich ab morgen – aus welchem Grund auch immer, sei es, weil ich körperlich krank bin, oder weil ich zu sehr ‚out‘ bin und man mir keine Finanzierung mehr gibt – mich nicht mehr dem widmen kann, was die große Leidenschaft meines Lebens ist, nämlich Filme zu machen?“ Diese Furcht hat er in einen furchtbar komischen Film über zwei gegensätzliche Figuren umgemünzt, deren Unterschiede sich bereits in völlig konträr gestalteten Sets widerspiegeln, durch die sich die zwei bewegen.

Ticket ins Leben ist nicht der erste Film, in dem ein Lebensmüder durch die Begegnung mit einem Fremden neuen Lebensmut schöpft, aber einer, der angesichts der ernsten Thematik den richtigen Ton trifft. Mit ihrer komplizierten Art, die zugleich entwaffnend unkomplizierte Lösungen bietet, erobert Vicky Antoines Herz – und regt den grantigen Einzelgänger an, seine letzten Lebensjahre an ihrer Seite zu verbringen und dabei jeden Tag eine verbotene Tat zu begehen. Das ist zwar nicht verboten gut, aber ausgesprochen amüsant.

(aus „Kino-Zeit“)

 

DETAILS:

Schauspieler: Valérie Lemercier, Gérard Darmon, Patrick Timsit
Regie: Jean-Pierre Améris
Genre: Komödie
Dauer: 90 Min
Zulassung:  ab 10 Jahre
Land: Frankreich
Erscheinungsdatum: 2026

 

SPIELZEIT:

Freitag,          12. Juni             20.00 Uhr  (Saal 1)
Montag,         15. Juni            18.00 Uhr  (Saal 1)
Mittwoch,      17. Juni            20.00 Uhr  (Saal 1)