Preloader
Kino Katsdorf

FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS

Im Jahr 2030 ist der ehemaligen Schauspielerin Frau Winkler nichts mehr geblieben als ihre Tochter Emi und Enkelin Billie. Ihr geliebter Ehemann und Bühnenpartner ist viel zu früh verstorben; aus ihrer Trauer hat Frau Winkler nie ganz herausgefunden und sich immer ganz auf Emi verlassen. Als diese, ebenfalls Schauspielerin, ein Theaterengagement annimmt und endlich ihr eigenes Leben in die Hand nehmen will, ist ihre Mutter nach einem Unfall plötzlich auf intensive Hilfe angewiesen, und es muss schnell eine Lösung her: ein Pflegeroboter, den die Krankenkasse stellt. Frau Winkler fühlt sich gedemütigt und wehrt sich vehement gegen die maschinelle Zuwendung. Doch dann entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft zwischen der 80-Jährigen und dem äußerst „belesenen“ Roboter, den sie Pawlowitsch nennt und der zu ihrer Verzückung wunderbar Tschechow rezitieren kann. Aber Pawlowitsch ist nicht nur eine interessante neue Gesellschaft für Frau Winkler, er übermittelt auch ihre sich stetig verschlechternden Vitalwerte an ein auf Effizienz bedachtes Gesundheitssystem. Pawlowitsch verspricht, ihr beizustehen, aber kann eine künstliche Intelligenz einem Menschen ein Versprechen geben, das auch zu halten ist?

Eine bittersüße, zutiefst berührende Tragikomödie über Fürsorge, Verlust, und menschliche Widerstandskraft in einer zunehmend technisierten Welt: Einmal mehr widmet sich Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie brennenden Themen unserer Gegenwart und knüpft damit an die emotionale Tiefe ihrer Meisterwerke wie KIRSCHBLÜTEN – HANAMI und GRÜSSE AUS FUKUSHIMA an.

INHALT:

Im neuen Film von Doris Dörrie spielt Angela Winkler eine Großmutter, die sich mit ihrem Pflegeroboter Pawlowitsch anfreundet

Spätestens seit der großen Retrospektive zu Doris Dörrie, die 2023 im Filmarchiv Austria stattfand, fällt einem zu der deutschen Regisseurin nicht mehr nur reflexartig ihr erster großer Kinoerfolg Männer von 1985 ein, in dem sich Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht im Yuppie-Dasein messen. Nein, die 71-jährige Dörrie, die wie ein Komet über der deutschen Filmbranche schwebt und gelegentlich eine Sternschnuppe regnen lässt, hat sich längst freigemacht von ihrem Publikumsliebling, der bis heute die deutsche Komödie prägt.

Dieses Genre hat sich, im Gegensatz zu seiner Schöpferin, nicht weiterentwickelt. Dörries Filmen kann man eine Neugier und Offenheit ablesen, sie mischen Komisches mit Tragischem, und harsche Werturteile und platte Stereotypisierungen liegen ihnen fern. Gerade Dörries Alterswerk zeugt von einer tiefen Auseinandersetzung mit Tod, Liebe und Verlust. Hanami – Kirschblüten mit den bereits verstorbenen deutschen Schauspielerikonen Elmar Wepper und Hannelore Elsner erweicht auch die härtesten Herzen. Darin zieht Weppers Figur die Kleidung seiner verstorbenen Frau an, um seine Trauer zu verarbeiten.

In Dörries neuem, nun im Kino laufenden Film Frau Winkler verlässt das Haus trauert die Hauptfigur Frau Winkler – gespielt von der grandiosen, bereits 82-jährigen Angela Winkler – noch immer um ihren vor langer Zeit bei einer Wanderung in den bayerischen Alpen verstorbenen Mann und Schauspielpartner Bruno (verkörpert vom Kärntner Josef Ellers in einer Doppelrolle). Frau Winkler legt noch immer Wert auf ihr Äußeres, auch wenn sie sich vor dem Spiegel fragt, für wen sie das überhaupt noch mache. Sagen wir mal so: Wenn sie den sozialen Medien aufgeschlossener gegenüberstehen würde, könnte sie mit ihrem Modestil eine „Granny-Influencerin“ werden.

Doch Frau Winkler steht der Technisierung skeptisch gegenüber, dabei ist ihre Umwelt, wir sind in der nahen Zukunft im Jahr 2030, voll davon: Der Kühlschrank teilt ihr mit, dass ihre Lebensmittel abgelaufen sind, im Café bedient ein Roboter, der ihr den Vodka-Konsum untersagt, auf der Straße gehen Roboter mit Hunden Gassi.

Nach einem Sturz, ist Frau Winkler aber auf technische Hilfe angewiesen, da ihre Tochter Emi, die die nicht minder grandiose Laura Tonke mit viel Natürlichkeit spielt, ein Schauspielengagement ergattert hat (obwohl das Theater natürlich nur noch etwas für wenige Feingeister ist). Mit fremden Leuten im Dunkeln sitzen, das sei gar nichts für sie, sagt etwa die Mitarbeiterin der Versicherung, die Frau Winkler mit dem Pflegeroboter ausstattet. Frau Winkler, anfangs offen feindselig, freundet sich mit Pawlowitsch an, wie sie den Roboter nennt. Denn dieser kann, dank KI‑gespeistem Hirn, ganz toll Tschechow rezitieren. So spielen Mutter und Tochter Theater und beide sind, trotz mancher Probleme, ganz zufrieden.

Dass Pawlowitsch auch assistierten Suizid anbietet, sei volkswirtschaftlich einfach sinnvoll, sagt die Versicherungsangestellte. Es kommt dann irgendwie fast so, wie es kommen muss. Aber nicht ganz. Und das unterscheidet ein mittelmäßiges von einem klugen Drehbuch. Ganz genau weiß man letztlich zwar nicht, wo die Moral der Geschichte liegt, denn die Themen wiegen schwer – Pflegekrise, Kulturkrise, Klimakrise, Sterbehilfe, KI –, aber man ist auch dankbar, dass Dörrie ihre einfallsreiche und grandios gespielte Tragikomödie nicht mit Urteilen beschwert hat.

Valerie Dirk in  „DER STANDARD“

 

DETAILS:

Schauspieler: Angela Winkler, Josef Ellers, Laura Tonke, Klara Lange, Yvonne Yung Hee, Joseph Reichelt, Zoë Baier
Regie: Doris Dörrie
Genre: Drama
Dauer: 108 Min
Zulassung: ab 14 Jahre
Land: Deutschland
Erscheinungsdatum: 2026

 

SPIELZEIT:

Freitag,           16. Oktober           18.00 Uhr (Saal 1)
Sonntag,         18. Oktober           18.15 Uhr  (Saal 2)
Mittwoch,      21. Oktober           20.00 Uhr (Saal 2)