Die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land, wo sich der Filmemacher langsam von einem Burnout erholt. Eines Tages steht die Polizei für eine Hausdurchsuchung vor der Tür. Der Vorwurf, den Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) gegen Philip erhebt, wiegt schwer und stellt Lucys Welt auf den Kopf. Wer ist der Mann, den sie liebt, wirklich?
Eine Geschichte über Lucy und Elsa, über Vertrauen und Täuschung, über Liebe und die Ehrlichkeit zu sich selbst.
In dem vielschichtigen Drama spielt der französische Superstar Léa Seydoux eine Musikerin und Mutter, die mit dem Geheimnis ihres Mannes konfrontiert wird
Als Marie Kreutzer gerade den Erfolg ihres Sisi-Dramas Corsage feierte – der europäische Filmpreis für Hauptdarstellerin Vicky Krieps, eine Shortlist-Nennung für die Auslands-Oscars – da trübte eine Nachricht die Freude des Filmteams. Nebendarsteller Florian Teichtmeister wurde 2023 wegen des Besitzes und der Herstellung von pädokriminellen Darstellungen zur Rechenschaft gezogen. Da war das Drehbuch zu Gentle Monster, Kreutzers Drama darüber, wie Pädokriminalität eine Kleinfamilie zerstört, bereits in Arbeit. Drei Jahre später startet der Film nach Premieren auf den Filmfestivals von Cannes und Toronto in den heimischen Kinos, just in der Woche, in der bekannt wurde, dass der Kabarettist Gunkl Selbstanzeige erstattet hat, weil ein Bild von ihm existiert, das ihn dabei zeigt, wie er sexuelle Handlungen an einem unmündigen Kind vornimmt. Bei Hausdurchsuchungen wurden hunderte inkriminierende Bilder vorgefunden. Was, zur Hölle, ist hier los?
Genau damit hat sich die aus Graz stammende Regisseurin Marie Kreutzer intensiv auseinandergesetzt. In Gentle Monster spannt sie den Bogen deshalb weiter. Es geht darin weniger um einen exemplarischen Kriminalfall wegen Kindesmissbrauchs, sondern um zwei Frauen, die mit den missbräuchlichen Grenzüberschreitungen ihres Partners beziehungsweise Vaters konfrontiert werden. Kreutzer interessiert sich kaum für die Beweggründe der Männer, sondern dafür, wie die ihnen nahestehenden Frauen – eine Polizistin mit demenzkrankem Vater und eine Musikerin mit Ehemann und Volksschulkind – damit umgehen.
Frankreichs Superstar Léa Seydoux spielt die Musikerin Lucy Weiss, die eines Tages auf die harte Tour aus ihrer Illusion gerissen wird, dass in ihrer Ehe mit Philip (Laurence Rupp) alles in Ordnung ist. Ermittlerin Elsa Kühn (Jella Haase) steht mit einem Untersuchungskommando vor der Türe des am bayerischen Land befindlichen Wohnhauses und beschlagnahmt den Computer Philips. Dem steht der Schreck ins Gesicht geschrieben. Ein befreundeter Anwalt soll ihm aus der Patsche helfen. Lucy weiß nicht, wie ihr geschieht. Erst als sie auf der Polizeistation in das Stockwerk geschickt wird, in dem gegen Kindesmissbrauch ermittelt wird, verliert sie die Fassung.
Lucy dabei zu begleiten, wie sie versucht, sich mit den bruchstückhaften, oft falschen Informationen, die sie erhält, ein Bild vom Verbrechen ihres Mannes zu machen, ist große Erzählkunst. Und Seydoux verkörpert diese zwischen Liebe und Desillusion gefangene Frau fantastisch. Der französische Kinostar sah genau darin den Reiz der von Kreutzer erdachten Figur:
„Wir erleben Lucys Widersprüche und ihre Ambivalenz. Zunächst will sie nicht glauben, was passiert ist, dann verdrängt sie es. Sie liebt diesen Mann“, sagte Seydoux am Rande des Filmfestivals von Cannes. „Hinzu kommt Scham aufgrund dieses Geheimnisses, über das sie mit niemandem sprechen kann. Sie ist völlig isoliert, lebt in einem fremden Land, spricht die Sprache nicht und kennt die gesellschaftlichen Regeln und Codes nicht. Auch dass Lucy die Wahrheit verdrängt, ist wichtig. Man kann nicht einfach auf einen Knopf drücken und aufhören, jemanden zu lieben.“
Auch dass Lucy die Wahrheit verdrängt, ist wichtig. Man kann nicht einfach auf einen Knopf drücken und aufhören, jemanden zu lieben. Léa Seydoux
Dasselbe sagt Seydoux‘ Lucy auch im Film zu ihrer eigenen Mutter, dargestellt von Catherine Deneuve. Die gibt ihr schlicht den Rat, sich zu übergeben. „Das ist reinigend.“ Und sie lädt einen Therapeuten ein, der Lucy erklärt, dass es bei Pädokriminalität häufig um Macht gehe und nicht alle Straftäter pädophile Neigungen hegen. Ob das Lucy beruhigt, sei dahingestellt. Es ist jedenfalls einer der wenigen Momente in Gentle Monster – so lautet Philips Username auf pädokriminellen Plattformen –, der didaktisch daherkommt. Auch die Nebenhandlung rund um Polizistin Elsa Kühns pflegebedürftigen Vater, der seine Pflegerin begrapscht, wirkt dem eigentlichen Drama rund um Lucy etwas aufgebürdet. Gut, dass Jella Haase ihre Tochterrolle mit großer Nonchalance angeht.
Haases abgeklärtes Spiel als Elsa bildet den Gegenpol zu Seydoux‘ Lucy. Während Elsa im Auto laut wütenden Frauenrap hört, haut Lucy ihre Gefühle in die Tasten des Klaviers. Mit wirren Haaren und wütenden Schritten stampft sie durch ihre Umwelt, immer auf der Lauer, was Philip ihr verschwiegen hat, immer besorgt, dass ihr gemeinsamer Sohn Opfer eines Übergriffs wurde. Dieser Zweifel wird nicht aufgelöst, das ist eine Stärke in Kreutzers detailverliebtem Drama. Auch dass Rupp in seiner Rolle als Philip psychologisch eine Randfigur bleibt. Stattdessen ist er vor allem ein Leib, häufig nackt ins Bild gesetzt, und damit auch als ständige körperliche Bedrohung.
„Would I lie to you?“, singt sich Léa Seydoux den Schmerz über den unfassbaren Betrug von der Seele. Und man kann nicht umhin, Gentle Monster mit der rezenten Welle an Schlagzeilen über Feminizide und Missbrauch im nächsten familiären Umfeld in Verbindung zu bringen. Kreutzers Film ist eine Anklage. Wenn auch eine, die weniger Wut schürt, als dass sie dazu einlädt, die enttäuschte Perspektive von Frauen einzunehmen.
Valerie Dirk in „DER STANDARD“
Schauspieler: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve
Regie: Marie Kreutzer
Genre: Drama
Dauer: 115 Min
Zulassung: ab 14 Jahre
Land: Österreich
Erscheinungsdatum: 2026
Freitag, 09. Oktober 20.15 Uhr (Saal 2)
Sonntag, 11. Oktober 20.15 Uhr (Saal 2)
Dienstag, 13. Oktober 18.00 Uhr (Saal 1)