Nach dem Oscar-Erfolg von „No Other Land“ kehren Yuval Abraham und Rachel Szor mit einem neuen, hochaktuellen Dokumentarfilm zurück: NAZA feierte am 10. September seine Weltpremiere im Wettbewerb der 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig und wurde dort mit 25-minütigen Standing Ovations aufgenommen.
Über drei Jahre hinweg sprachen Abraham und Szor mit Angehörigen des israelischen Militärs und der Geheimdienste. 24 israelische Geheimdienstoffiziere und Soldaten kommen im Film anonymisiert zu Wort; ihre Stimmen und ihr Erscheinungsbild wurden digital verfremdet. Ihre Aussagen bilden die Grundlage für eine Untersuchung der militärischen Strukturen, Entscheidungsprozesse und Technologien hinter Israels Kriegführung in Gaza.
Die Dokumentation «Naza» handelt von Israels Kriegsführung in Gaza und dem bewussten Inkaufnehmen ziviler Todesopfer. In Israel sorgt die Doku für Aufruhr: Die Regisseure wurden bedroht, der Kulturminister drohte ihnen gar mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft.
Wie viele zivile Todesopfer sind bei einem Luftangriff auf Hamas-Anführer akzeptabel? Der Dokumentarfilm «Naza» beginnt dort, wo diese Frage keine moralische mehr ist, sondern zur Rechengrösse wird. 24 Angehörige des israelischen Militärs und der Geheimdienste berichten anonym, wie im Gaza-Krieg Angriffsziele ausgewählt und zivile Opfer in Kauf genommen worden seien.
Der «Naza-Wert» ist ein militärisches Akronym und beziffert im Militärjargon die erwarteten zivilen Todesopfer eines Angriffs auf einen Hamas-Kommandanten. Werte unter 20 hätten keiner besonderen Genehmigung bedurft, einmal sei sogar ein Wert von 500 freigegeben worden. Die Aussage gilt als umstritten.
Das Töten erscheint in «Naza» als technisch verwalteter Vorgang: Ein KI-System wertet laut den Hinweisgebern Telekommunikationsdaten aus und berechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit jemand zur Hamas gehört. Zielpersonen würden über Mobiltelefone geortet und bevorzugt nachts zu Hause angegriffen.
Mehrere Gesprächspartner sagen im Film, auch Nachbarn von Hamas-Mitgliedern, ehemalige Hamas-Angehörige sowie Frauen und Kinder seien getötet worden. Bei der KI-gestützten Auswahl sei eine Fehlerquote von 15 Prozent bewusst akzeptiert worden.
Ein Informant sagt, das Töten habe sich gut angefühlt, weil damit eine Mission erfüllt worden sei. Töten im Dopaminrausch: Krieg aus der Distanz, am Bildschirm, mit Karten, Daten und Zielwerten.
Die Aussagen sind schwerwiegend. SRF-Auslandsredaktorin Anna Trechsel hält sie grundsätzlich für plausibel. Israel habe etwa in Beirut und Teheran gezeigt, wie präzise seine Armee einzelne Personen ins Visier nehmen könne. Die hohe Zahl ziviler Opfer und die massive Zerstörung in Gaza seien für sie Hinweise darauf, dass zivile Opfer bewusst in Kauf genommen würden.
Völlig neu sei vieles allerdings nicht, sagt Trechsel: «Wer wollte, konnte vorher schon Bescheid wissen.» Ein Teil der Erkenntnisse basiert auf früheren Recherchen von Regisseur Yuval Abraham und des «Guardian», die bereits bei «+972 Magazine», «Local Call» und im «Guardian» veröffentlicht worden waren.
Die 24 Gesprächspartner bleiben anonym. Das israelische Militär weist zentrale Vorwürfe zurück. Abraham und der «Guardian» erklären, die Aussagen seien überprüft worden. Kritisch beurteilt Trechsel, dass die Armee für den Film wohl nicht um Stellungnahme gebeten worden sei.
Seit «Naza» in Venedig fast 25-minütige Standing Ovations erhielt und Abraham und Szor den Spezialpreis der Jury gewannen, hat sich die Debatte verschärft. Israels Kulturminister drohte dem Regie-Duo mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft.
Für viele Israelis sei es ein Schock, die eigenen Soldaten so sprechen zu hören, sagt Trechsel. Sie empfänden den Film als Verrat. Besonders schlecht komme an, dass Kritik an der Armee international sichtbar werde. «Naza» trägt die Debatte über den Gaza-Krieg damit auf die internationale Bühne und zwingt zu einer Auseinandersetzung, die in Israel selbst erst begonnen hat.
(aus „SRF News“)
Schauspieler:
Regie: Yuval Abraham, Rachel Szor
Genre: Dokumentation
Dauer: 100 Min
Zulassung: ab 14 Jahre
Land: Großbritannien
Erscheinungsdatum: 2026
Freitag, 23. Oktober 20.00 Uhr (Saal 2)
Montag, 26. Oktober 20.15 Uhr (Saal 2)